Die Bewertung des Mitmenschen.
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zwischen solchen Schichten eine derartige innere Fremdheit bestehen, daß
dieselbe Bewertungsweise auftritt, vorausgesett, daß die untere Schicht
nicht durch ihre Ansprüche den Haß der oberen erregt. Nietgsche kenn-
zeichnet dies Verhältnis treffend mit den Worten: „Man gehört als
Schlechter zu den Schlechten, zu einem Haufen unterworfener ohnmäch-
tiger Menschen, welche kein Gemeingefühl haben. Die Guten sind eine
Kaste, die Schlechten eine Masse wie Staub.“ (Menschliches, Allzumensch-
liches. Bd. I Nr. 45.)
8. Die enge Beziehung zwischen Haß und Liebe ist in der
modernen Literatur ein geläufiger Gedanke. Und zwar wird sie gerne so dargestellt,
als ob es sich dabei um zwei Seiten eines und desselben Verhaltens handele. In
Wirklichkeit kommt natürlich nur der Tatbestand der sogenannten „Ambivalenz“ in
Frage, d. h. ein Nebeneinander zweier entgegengeseöter Haltungen oder Gesin-
nungen, von denen sich die eine jeweilig im Zustand der Verdrängung befindet.
Diese Ambivalenz wird, wie angedeutet, vielfach als universell verbreitet und
zwar als unmittelbar aus dem Wesen von Liebe und Haß hervorgehend hingestellt.
In Wirklichkeit ist eine solche Verbindung von Haß und Liebe immer nur eine
tatsächliche und keine wesenhafte wie die Verbindung des Selbst-
gefühls und des Unterordnungswillens. Von diesen beiden Haltungen ist, wie wir
sahen, ihrem Wesen nach keine ohne eine Regung der entgegengesegten möglich.
Dagegen schließt gerade umgekehrt dem Wesen nach die Liebe den Haß und der
Haß die Liebe aus. Eine etwaige Verbindung zwischen ihnen kann immer nur eine
tatsächliche sein und zwar abgesehen vom Alternieren in der Form, daß der eine
Partner verdrängt ist. Wie weit diese Verbindung faktisch vorkommt, kann nur
durch die Erfahrung geklärt werden. Sie als universell anzunehmen dazu dürfte
kein hinreichender Grund bestehen. Es wäre z. B. ein Fehler, wenn man aus
vorübergehend aufbligenden Regungen der Opposition, wie sie auch in der glück-
lichsten Ehe vorkommen, auf einen entsprechenden dauernden Tiefenzustand schließen
wollte. Auch die Begründung, daß die Liebe nach ihrem Wesen einen gewaltsamen
Einbruch in die Persönlichkeit des Partners bedeutet und diese deswegen im tief-
sten verlegen muß (Schrempf), kann jedenfalls keinen Anspruch auf Allgemein-
gültigkeit erheben. Ebensowenig m. E. die Behauptung von Rudolf Allers, daß man
„immer wüßte, wissen könnte, wenn man nur wollte, daß die Einstellung gegen
die geliebte Person auch den entgegengesegten Gefühlston annehmen könnte“ (Hand:-
buch der vergleichenden Psychologie III, 363).
Man muß sich dabei insbesondere hüten, Erfahrungen unserer modernen Ver-
hältnisse schlechtweg zu verallgemeinern, vielmehr bedenken, daß bei uns gerade die
engen Gemeinschaftsformen abgeschwächt oder geradezu zersett sind und durch den
übermäßigen Individualismus unserer Zustände ein Zündstoff geschaffen ist. Die
Völkerkunde macht es jedenfalls wahrscheinlich, daß besonders auf ziemlich und sehr
tiefen Stufen der Kultur innerhalb der Gemeinschaft der Lokalgruppe Spannungen
und Zwistigkeiten nur in schwacher Form oder garnicht vorkommen.
Auoti Alle X
Literatur: Aloya_Fischer, Psychologie des Geschlechtslebens, im
Handbuch der vergleichenden Psychologie (Band III, Abteilung 4). — Max Sche-
ler, Wesen und Formen der Sympathie. Bonn 1923.
Vierkandt. Cesellschaftsiehre