Full text: Gesellschaftslehre

Individuum und Umwelt. 
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Schicksale als meine Schicksale erlebt werden. Je nach ihrem Ge- 
deihen, ihrer Anerkennung, ihrem Erfolg oder deren Gegenteil (soweit 
man jeweils von einem solchen sprechen kann) fühle ich mich in meinem 
eigenen Ich beglückt und bereichert oder von Verengung und Depression 
befallen. Es wird zugleich mein Selbstgefühl von ihren Schick- 
salen berührt, genau so, wie wenn diese Schicksale meiner eigenen Per- 
son widerführen: ich fühle mich in ihnen geehrt und gehoben oder vom 
Gegenteil heimgesucht. Je nach den Verhältnissen, in denen der ein- 
zelne lebt, kann er in diesem Sinne ein enges oder weites, ein armes 
oder reiches, ein schwaches oder starkes Ich besigen. Wer auf dem wirt- 
schaftlichen oder sozialen oder .geistigen Gebiet in kleinen und engen 
Verhältnissen lebt, der besigt entsprechend auch ein enges Ich, ebenso 
wie es bei den umgekehrten Verhältnissen umgekehrt der Fall ist. 
Betrachten wir nun die verschiedenen Bereiche, über die das Ich 
sich ausweiten kann. Bei der körperlichen Welt kommt zunächst ein 
Gebiet des persönlichen Besitzes in Betracht, das nament- 
lich Waffen, Schmuck und Kleidung umfaßt. Bei vielen Naturvölkern 
werden diese Gegenstände in der Regel nicht verliehen und beim Tode 
mit ins Grab gegeben oder zerstört. Alle Leistungen und Erfoige hängen 
eng mit ihnen zusammen: der Jäger ist nicht ohne Waffe in der Hand, 
der beim Tanz bewunderte Eingeborene nur mit dem Schmuck denk- 
bar; so verwachsen diese Gegenstände wegen ihres Wertes und ihrer 
Unabtrennbarkeit mit dem eigenen Ich. Auch Sitten und religiöse Vor- 
stellungen, wonach z. B. die Waffen dem Toten ins Grab mitgegeben 
werden, weil sie mit ihm mpystisch verknüpft sind, zeugen von der 
gleichen Auffassung. Die innere Verbindung, die wir hier nur er- 
schließen können, können wir an uns selbst unmittelbar gewahr werden. 
So werden Anzug und Schmuck von uns nicht als fremd gefühlt und ein 
Eingriff in sie (man denke sich einen anderen in unseren Kleidern 
gehen) ähnlich wie ein Eingriff in den eigenen Leib empfunden. Den- 
selben Zustand des inneren Verwachsenseins zeigt das Kind, wenn sein 
Spielzeug oder sein sonstiger Besig bedroht ist. Ebenso werden ein In- 
stitut oder eine Fabrik, die jemand hat schaffen können, oder ein Haus, 
dem der Eigentümer seinen Stempel aufgedrückt hat, durchaus nicht 
immer als ein bloßes Mittel zum Geldverdienen aufgefaßt, sondern vom 
Nutgnießer ebenso zu seinem Ich gerechnet, wie es dem Kaffer mit jedem 
einzelnen Tiere seiner vergötterten Herde gehen mag, bei dessen Tod 
er vor Schmerz fassungslos ist. Auch Orden und Ehrenzeichen stehen 
bei uns in einem eben so engen Verhältnis zu ihrem Besiger wie etwa 
die Jaguarkrallen bei einem glücklichen Jäger unter den Indianern. 
Die populäre Meinung geht durchaus in die Irre, wenn sie alle Be- 
ziehungen des Menschen zu körperlichen Gegenständen lediglich für
	        
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