Full text : Gesellschaftslehre

A  PRBERFERL

Ha

Einleitung.

zunächst die Gesellschaft im allgemeinen (im Gegensay zu
konkreten historischen Formen derselben) zu erforschen. Sie muß sich
die Gesellschaft dazu gereinigt denken von allen erlebten „Inhalten“
oder inhaltlichen Bestrebungen, sodaß gleichsam nur das reine Schema
des sozialen Lebens, die reinen Formen der Gesellschaft übrig bleiben wie
Gruppe, Führung, Gehorsam, Strafe, Gemeinschaft, Kampf, Macht, Achtung,
 Anspruch, Tausch usw. Es ist das die Hauptaufgabe, die sich dieses
Buch (mit Ausnahme des darüber hinausgehenden legten Kapitels) gestellt
 hat. Sie entspricht in ihrem Kern dem von Simmel geschaffenen
Begriff der formalen Soziologie, der aus demselben Abstraktionsprozeß
entsprungen ist. In der Ausführung wird sie freilich andere Bahnen wandeln
 müssen, sofern Simmel vielfach an unwesentlichen Gegenständen
hängen geblieben ist und die Dinge gerne in einer gleichsam spielerischen
Weise behandelt hat.
Zweitens kommen in Betracht die verschiedenen historischen Formen
 der Gesellschaft, z. B. die französische Gesellschaft des achtzehnten
Jahrhunderts oder die chinesische Familie. Hier sind verschiedene Fälle
zu unterscheiden. Man kann solche besonderen Formen unter dem systematischen
 Gesichtspunkt betrachten, indem man einen besonderen Typus
der Gesellschaft an ihnen erkennt, z. B. eine besondere Färbung des
Machtverhältnisses. Insoweit gehört ihre Behandlung selbstverständlich
zur Soziologie. Und zwar gewinnt man hierbei Material für einen induktiven
 Weiterbau der Soziologie, nachdem ihr Kerngebiet
durch Zergliederung eines reinen Schemas der menschlichen Gesellschaft
unter Anwendung des phänomenologischen Verfahrens geschaffen ist.
Die in jenem Kerngebiet erörterten reinen Typen gliedern sich in der
historischen Wirklichkeit in eine Reihe. von Untertypen, die nicht mehr
rein systematischen, sondern historisch-systematischen Charakter tragen.
Für diejenigen, die die Gesellschaftslehre auf die Wirklichkeit des geschichtlich-gesellschaftlichen
 Lebens anwenden wollen sei es im betrachtenden
 sei es im handelnden Leben, ist dieser empirisch-induktive Teil
der Soziologie besonders wichtig. Sie begehren von der Soziologie, daß
sie von der rein formalen zur typenbildenden Soziologie fortschreitet‘).
Anders liegt die Sache, wenn man eine solche historische Form lediglich
 mittels systematischer Begriffe beschreibt und kennzeichnet. Hier ist
von einer Anwendung der Soziologie auf historische Probleme
 zu sprechen. Wir müssen diese Probleme der jeweiligen historischen
 Disziplin überlassen, schon deswegen, weil die Soziologie sich sonst
ins Uferlose ausdehnen würde: aber auch. weil die volle Sachkenntnis

1) Max Rumpf in Schmollers Jahrbüchern, Band 48, S. 917 flg.
            
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