236 Die Abstufung der Gesellschaft (Gemeinschaft und „Gesellschaft“).
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3. Eine weitere Verknüpfungsgrundlage mit gleich großer Varia-
tionsbreite bildet die Gleichheit des Bewußtseinszustan-
Jes bei miteinander in Verkehr stehenden Personen, vorausgesegt daß
der Gegenstand dieser Gleichheit Interesse oder Bedeutung für sie be-
sigt. Wo verschiedene Personen in dieser Weise in ihrer Haltung über-
einstimmen, da gibt die Wahrnehmung der Übereinstimmung ebenfalls
ein soziales Band ab: die Gleichheit der Stimmungen, Anschauungen
oder Interessen, in denen sich verschiedene Menschen >begegnen<, rückt
diese eben dadurch einander näher (man beachte, wie schon die Sprache
in der eben von uns gebrauchten Wendung den inneren Vorgang fein-
ännig anschaulich erfaßt). Die Wahrnehmung, mit einem andern Men-
schen gleiche Schicksale oder Verhältnisse, ja selbst nur gleiche leibliche
Leiden zu haben, gewährt typischerweise eine gewisse Befriedigung, weil
sie die Aussicht auf Berührungspunkte eröffnet. Man kann die Zustim-
mung zu einem ausgesprochenen Urteil, zu einem bekundeten Gefühl
oder einer geplanten Handlung typischerweise nicht erleben, ohne sich
ladurch dem andern nähergerückt zu fühlen. Für lebhaft empfindende
Menschen ist es in solchem Fall, wenn bisher der eine Partner dem an-
deren völlig fremd gegenüber gestanden hat, als ob plöglich diese
Fremdheit aufgehoben und mit einem Ruck eine innere Verbindung her-
gestellt ist. Am nachdrücklichsten macht sich das Phänomen da bemerk-
lich, wo in einem Zustande der Spannung oder des Kampfes sich plöglich
an einer Stelle die Aussicht auf eine Übereinstimmung oder Einigung
eröffnet: die vorübergehende Annäherung, die auch hier eintritt, hebt
sich dann nachdrücklich von dem Hintergrund der beharrlichen Span-
nung ab. Umgekehrt kann der empfindliche Mensch eine Meinungs-
verschiedenheit kaum erleben, ohne von seinem dissentierenden Partner
innerlich etwas abzurücken. — Diese Verbindung tritt überall da ein, wo
der Vorgang nicht durch besondere Verhältnisse gehemmt ist. Er ist
der menschlichen Natur von Haus aus eigen. Von diesem unverküm-
merten Zustand führt dann eine Reihe von Abstufungen zu seinem
Gegenpol hinüber. — In unverkümmertem Zustand tritt zu derjenigen
Verbindung, die in der bloßen Fo rm der Mitteilung enthalten ist, noch
die Gleichheit des Inhalts als eine weitere verbindende Kraft hinzu.
Und zwar übt sie die verbindende Wirkung aus, eben weil hier Inhalt und
Person noch nicht im Erlebnis voneinander getrennt sind: die sachliche
Annäherung wird deswegen zugleich als eine persönliche aufgefaßt und
entsprechend ebenso die sachliche Ablehnung. Wir haben hier vor uns
das Gegenstück zu der suggestiven und konträr suggestiven Wirkung der
beeinfiussenden Persönlichkeit ($ 11,,), bei der die persönliche Verbin-
dung oder Abstoßung auch den mitgeteilten Inhalt (ohne kritische Prü-
fung) in die eine oder andere Bewegung mit hineinzieht.