Full text: Gesellschaftslehre

Die Doppelseitigkeit des Gruppenlebens. 
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einander unterschieden und entsprechend verschieden beurteilt, bewertet 
und behandelt. Die Gruppeneigenschaften erscheinen also stets auf dem 
Hintergrunde einer selbständigen Persönlichkeit, nur daß die leytere 
bei „starken“ Gruppen eben im Hintergrund bleibt. 
Daß diese Doppelseitigkeit in den menschlichen Anlagen begründet 
ist, dafür könnte man vielleicht die Tatsache geltend machen, daß neben 
dem Geselligkeitstrieb auch ein Trieb zur Absonderung mit dem beglei- 
tenden Affekt des Widerwillens zu den angeborenen Anlagen des Men- 
schen gehört, und ebenso die Tatsache des Schamgefühls, sofern darun- 
ter eine Tendenz zur Zurückhaltung und Verschleierung alles Intimen 
zu verstehen ist. ($ 4,,.) Auch mit der Natur des menschlichen Ichbewußt- 
seins könnte man unsern Sag in Zusammenhang bringen, sofern der 
Mensch neben der Fähigkeit, in Akten des Wirbewußtseins mit anderen 
zusammenzufließen, auch die entgegengesegte Tendenz, sich mit seinem 
Ichbewußtsein auf seine Person zurückzuziehen und von anderen ab- 
zuheben, zu seinen Wesenszügen zu rechnen hat. Jedenfalls ist auf der 
Stufe unserer Kultur ein solches Abwechseln zwischen der Ausweitung 
des Ichbewußtseins über die eine oder andere zugehörige Gruppe und der 
Verengung des Ichbewußtseins auf die eigene Person im Zustande der 
Abhebung oder geradezu des Kampfes die Regel, soweit nicht ein über- 
mäßiger Individualismus jene Ausweitung des Ichbewußtseins ein- 
geschränkt und aufgehoben hat. Aber auch auf tieferen Kulturstufen 
besteht die gleiche Doppelseitigkeit des Ichbewußtseins, wie uns eine 
Fülle ethnographischer Tatsachen zeigt. Der Zustand des reinen Herden- 
lebens kommt niemals unter Menschen vor. Erstens gibt es eine Menge 
von Handlungen, die ihrer Natur nach den Gruppencharakter ausschlie- 
Ben, nämlich vom Einzelnen eine Selbständigkeit des ganzen Verhaltens 
verlangen, so die Jagd, die Herstellung von Geräten oder eine geistige 
Tätigkeit wie das Dichten. Und da derartige persönliche Leistungen von 
der Gruppe als solche beachtet und als Bekundungen der Persönlichkeit 
bewertet werden, so wird dadurch auch in der Beurteilung der Gruppe 
(und damit auch in seiner eigenen Auffassung) der Einzelne von seinen 
Genossen abgehoben. Ferner finden wir die Tatsache der zeitweiligen 
Opposition des Einzelnen gegen die Gruppe schon bei vielen Stämmen, 
wie den australischen, ausgebildet!) 
2. In jeder Gruppe gibt es Gruppenangelegenheiten 
und persönliche Angelegenheiten, d.h. Angelegenheiten, 
deren Träger die Gruppe ist oder die von den Mitgliedern als Angelegen- 
heiten der Gruppe erlebt werden, und solche, deren Träger einzelne 
2 Vgl. die lehrreichen Ausführungen bei Walter Beck, Das Individuum 
jei den Australiern. Leipzig 1924.
	        
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