Die Doppelseitigkeit des Gruppenlebens.
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lesteren abhängig ist. Auch in diesen Erscheinungen offenbaren sich also
noch ..geistige Strömungen‘ der Gruppe‘).
4. Wir reihen hieran einen vierten Sag, bei dem die unterschiedenen
beiden Seiten des Gruppenlebens freilich nicht ganz in dem gleichen Ver-
hältnis zueinander stehen, wie dies bisher der Fall war. Unter den Mit-
gliedern der Gruppe als solchen herrscht nämlich überall ein doppeltes
Verhältnis: einerseits das Gemeinschaftsverhältnis, ander-
seits aber auch ein Ordnungsverhältnis im Sinne des Anerken-
nungsverhältnisses ($ 22)?). Der Nachdruck liegt bei diesem Sat natür-
lich auf dem zweiten Gliede: nirgend herrscht innerhalb der Gruppe aus-
schließlich die Gemeinschaft, nirgend umfaßt sie das ganze Leben der Ge-
nossen, wie wir dies bereits früher feststellten ($ 18,,). Jede Erbschafts-
teilung z. B. läßt auch die innigste Gemeinschaft vorübergehend zurück-
treten zugunsten eines OÖrdnungsverhältnisses. Von jeder Teilung der er-
jagten oder sonst erbeuteten Nahrungsmittel nach bestimmten Regeln,
wie sie bei primitiven Stämmen typisch ist, gilt dasselbe. Fast jede ge-
meinschaftliche Aktion der Gruppe z. B. eine Treibjagd oder ein kriege-
rischer Überfall fordert eine Gliederung im Sinne der Arbeitsteilung. Wir
können uns an diesen Beispielen zugleich unsere frühere Betrachtung
vergegenwärtigen, daß nicht nur das Rechts-, sondern auch das Kampf-
und Machtverhältnis keineswegs erst außerhalb der Gemeinschaft ihren
Nährboden finden, sondern bereits innerhalb der Gruppe mit Notwendig-
keit auftreten.
29. Die Gruppe als Einheit.
Inhalt: Die Tatsache der Individualität und des Eigenlebens der Gruppe darf
nicht zu dem Irrtum führen, die Gruppe sei eine kompakte Einheit, gleichsam eine
Person im großen. Tatsächlich baut sich in der Regel die Einheit des Gruppen-
bewußtseins (z. B. bei der politischen und kulturellen Gruppe) auf Gliederungen,
Spannungen und Gegensägen innerhalb der Gruppe auf. Anderseits zeigen Gruppe
und Individuum im Verkehr mit der Umwelt eine Reihe wichtiger Übereinstimmungen.
1. Die vorstehenden Ausführungen über die Doppelseitigkeit des in
der Gruppe verlaufenden Lebensprozesses, über das stete Ineinander von
Gruppenleben und Personenleben, können uns davor warnen, uns von
der Einheit der Gruppe übertriebene Vorstellungen zu machen. Es gibt
keine Stufe der Kultur, bei der nicht neben den Gruppenangelegenheiten
die persönlichen Angelegenheiten der Mitglieder einen mehr oder weniger
breiten Raum einnehmen. Es gilt das schon für die persönlich begründete
1) Durkheim, Die Methode der Soziologie S. 33.
2) Vgl. Theodor Geiger, Die Masse und ihre Aktion. S. 9.