Full text: Gesellschaftslehre

Gruppenbewußtsein und sonstiges Kollektivbewußtsein. 351 
2. Neben dem Gruppenbewußtsein treten noch andere Formen des 
Kollektivbewußtseins auf. Unter dem legteren verstehen wir dabei jedes 
mehrfache (d. h. in verschiedenen Personen statthabende) Vorhanden- 
sein von Bewußtseinsinhalten, von Vorstellungen, Affekten, Willensten- 
denzen usw. Herrscht dieselbe Überzeugung in mehreren Köpfen, so 
kann entweder ein bloßer Parallelismus vorliegen oder ein Zusammen- 
hang zwischen den Beteiligten zugrunde liegen. Im ersteren Falle haben 
wir bloße Gleichheit, die in der Regel als Folge gleicher Reize auf gleich- 
artige Individuen bei gleicher Situation zu erklären sein wird. Im zwei- 
ten Falle ist das Wissen in den einzelnen Köpfen entweder unter wechsel- 
zeitiger Beeinflussung zustande gekommen oder geradezu durch ein Zu- 
sammenspiel erst geschaffen worden. Der bloßen Gleichheit tritt so die 
Gemeinsamkeit ($ 18,5) der Bewußtseinsinhalte gegenüber. Wenn z. B. 
sämtliche Eingeborenen eines Stammes aus eigenem Augenschein einen 
Berg kennen, so haben sie alle ein gleiches Wissen von ihm. Von einem 
solchen kann man auch sprechen, wenn etwa ein Kollegium einen schwie- 
rigen Fall durch gewissenhafte Erforschung aufhellt und sich dann ein 
Gesamturteil über ihn bildet. Hinter der Gleichheit der Worte verbirgt 
sich dann aber ein verschiedener Sachverhalt: im ersteren Falle handelt 
es sich um einen bloßen Parallelismus, im zweiten Falle um eine Gemein- 
samkeit. Derselbe Unterschied besteht zwischen den Angehörigen eines 
Kreises, von denen jeder denselben Roman für sich mit demselben Bei- 
fall gelesen hat unbeeinflußt von anderen, und einem begeisterten Thea- 
terpublikum, bei dem alle durch Wechselwirkungen verbunden sind. Von 
einer Kollektivität kann man in beiden Fällen sprechen; im ersteren hat 
:zie jedoch nur zahlenmäßigen, im zweiten zugleich dynamischen Cha- 
rakter. 
Tatsächlich treten die beiden hier unterschiedenen Typen natürlich 
überwiegend in gemischter Form auf. Auch da, wo etwa zunächst nur die 
bloße Tatsache der Gleichheit infolge einer parallelen Reaktion besteht, 
zesellt sich doch leicht nachträglich ein Bewußtsein dieser Gleichheit 
nebst den entsprechenden Wechselwirkungen im Sinne einer Gemeinsam- 
keit hinzu. So werden zwei kapitalistisch denkende Menschen namentlich 
in einer abweichenden Umgebung sich kaum begegnen können, ohne sich 
bei einer Aussprache durch ihre Gleichartigkeit verbunden zu fühlen. 
Ebenso ist es mit dem Nationalcharakter eines Volkes im Sinne des 
durchschnittlichen Verhaltens der Einzelnen in ihren persönlichen An- 
zelegenheiten bestellt: die Gleichheit beruht hier teils auf Wechselwir- 
kung; teils auf einer Konvergenz, weil die Einzelnen von früh an in 
gleiche Bahnen gelenkt sind, zum Teil ihnen auch gleiche Anlagen an- 
geboren sind. Ebenso wird sich ein einheitliches Urteil über einen neuen 
Roman tatsächlich durchweg bilden teils unter dem Einfluß führender
	        
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