Full text: Gesellschaftslehre

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keit der Gruppe ‚sprechen. Natürlich gilt dieses nur in dem Maße, in 
dem die Gruppe hinreichend stark entfaltet ist, während Simmels Be- 
trachtungen in erster Linie auf den individualistisch gesinnten Menschen 
gemünzt sind. 
Die Tatsache, daß der kollektive Lebensdrang stärker ist als der individuelle, 
erinnert an eine verwandte Tatsache, die alles Leben beherrscht, nämlich, daß die Na- 
cur mehr für die Artals für das Individuum gesorgt hat, daß ihre Ziel- 
strebigkeit für die Erhaltung der Gattung stärker ist als diejenige für die Erhaltung 
des Individuums. Der eben ausgesprochene soziologische Sat zeigt, daß für die 
menschliche Gesellschaft derselbe Sat gilt; nur daß wir hier einen klaren Einblick in 
den Mechanismus dieser Zielstrebigkeit erhalten. — Die Entwicklung -der modernen 
Kultur hat freilich Bahnen eingeschlagen, die von diesem Zustande des Übergewichts 
der Gesellschaft über den Einzelnen weit abzuführen drohen: kraft des modernen In- 
dividualismus ist der Einzelne geneigt, den Sinn des Lebens in seiner Person statt 
in seiner Gruppe oder einem metaphysischen Ganzen zu suchen. Wie weit davon die 
Tiefenkräfte, die für das Übergewicht des kollektiven Lebensdranges sorgen, bedroht 
3zind, kann hier nicht erörtert werden. Jedenfalls sieht man aus dieser Andeutung, in 
welchem Gegensag der moderne Individualismus zu der Naturordnung steht, der sich 
auch die moderne Gesellschaft nicht entziehen kann. Wenn wir heute unter der 
Problematik des Lebens in einem besonderen Maße leiden, so ist das zu einem großen 
Teile die Folge des Zwiespalts, in den uns der Individualismus mit der unentrinn- 
baren Naturordnung verwickelt hat. —- 
10. Insbesondere zeugt für die Stärke des Lebensdranges der Gruppe 
die schon oben berührte Empfindlichkeit, die die Gruppe gegen- 
über jeder realen oder vermeintlichen Bedrohung ihres Gedeihens zeigt. 
Wie hellhörig kann eine sich sonst gegen die Notwendigkeit jedes Wan- 
dels verschließende herrschende Aristokratie mit einem Schlage werden, 
wenn ihre Privilegien bedroht erscheinen. Ganz wie bei allen affekt- 
vollen Zuständen des individuellen Lebens äußert sich diese Empfind- 
lichkeit schon gegenüber bloßen Symptomen einer Bedrohung oder 
Störung. Man denke z. B. an die fast krankhafte Sensibilität, die die 
deutschen Staaten im vorigen Jahrhundert gegenüber republikanischen 
und sozialdemokratischen Plänen und Bestrebungen, auch da, wo deren 
gegenwärtiger Zustand für sie gänzlich gefahrlos war, deswegen gezeigt 
haben, weil die legte Tendenz dieser Bewegungen ihren Bestand be- 
IJrohte. Auch die nervöse Empfindlichkeit und Heftigkeit der Reaktion, 
die die Vereinigten Staaten als das klassische Land des Kapitalismus 
gegenüber jeder Spur von Sozialismus und Kommunismus zeigen, gehört 
hierher. In der jüngsten deutschen Revolution haben bekanntlich Orden 
und Offiziersdegen ähnlich herausfordernd gewirkt wie im alten Staat 
die rote Schleife bei Begräbnissen. Welche leidenschaftliche, kaum zu 
zügelnde Erregung rief die Beschießung englischer Fischerkähne durch 
die Russen an der Doggerbank im Russich-Japanischen Kriege hervor. 
Auch ein an sich geringfügiger Vorfall kann das nationale Ehrgefühl in
	        
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