Full text : Gesellschaftslehre

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Die Gruppe.

wunden werden, ohne daß den Beteiligten die Gefahr überhaupt in erheblicherem
Maße zum Bewußtsein kommt, ist das Werk jener wesentlich unterbewußten Selbstregulierung,
 deren Mechanismus wir vorhin anzudeuten versuchten. Herrschte nicht in
jeder Gruppe ein durchweg unbewußter Wille zur solidarischen Abwehr aller Störungen
 des Gleichgewichts, so würde keine Kultur und kein Stamm sich dauernd des
Daseins freuen können,
Werfen wir zur Klärung hier einen vergleichenden Blick auf die Tierwelt.
Die Bewahrung des Gleichgewichts sowohl im Umgang mit der Natur wie bei den
sozialen Tieren im Umgang mit ihresgleichen beruht hier ganz auf festen Anlagen,
lie wir in den nervösen Zentralorganen lokalisiert zu denken haben, den sogenannten
Instinkten von wesentlich starrem Charakter. Beim Menschen treten an die Stelle der
leßteren plastische Anlagen, die sich mit wechselndem geschichtlichen Inhalt erfüllen.
Jede einzelne Kultur muß sich hier ihr eigenes Gleichgewichtssystem erst schaffen.
Denn dieses beruht nicht mehr auf starren, physiologisch fixierten Kräften, sondern
auf dem Inbegriff aller historisch wandelbaren Willenskräfte, die innerhalb einer
Gruppe teils in Gestalt von Neigungen, teils in Gestalt von fordernden Normen wirksam
 sind. Insbesondere übernehmen hier die Sitten einen großen Teil der früheren
Funktion der Instinkte. So tritt zunächst der Typus der kulturellen
Dauerzustände dem Typus der reinen Instinktherrschaft als
sine weitere Methode der Gleichgewichtsbildung gegenüber, Die Bedingungen des
Gleichgewichts sind hier viel verwickelter als bei dem tierischen Typus, und dieses
beruht auf einem viel verwickelteren Spiel von Kräften und Gegenkräften. Noch verwickelter
 und noch reichhaltiger im Spiel der Kräfte und Gegenkräfte ist dann der
dritte Typus, derjenige der antitraditionalistischen Kulturen.
9. Die Stärke des Lebensdranges der Gruppe können wir uns
kaum groß genug vorstellen. Zwei einschlägige Tatsachen seien hier
angeführt. Zunächst gilt für seine relative Stärke der Say: Der Lebensdrang
 der Gruppe ist stärker als der individuelle
 Lebensdrang ihrer Träger, d. h. im Individuum sind in
zewissen Zusammenhängen die sozialen Interessen stärker als die persönlichen.
 Auf den ersten Blick scheint dem Laien allerdings das Umyekehrte
 der Fall zu sein, der Egoismus des Einzelnen nur allenfalls im
[nteresse seiner Kinder eingeschränkt zu sein. Immerhin würde dann
unser Sag wenigstens für die Familie gelten. Außerdem fallen die modernen
 Zustände mit ihrer hochgradigen Atomisiertheit vollständig aus
dem Durchschnitt heraus. In den östlichen Ländern ist es noch heute
anders. Wir erhalten hier den Eindruck einer anderen Welt, wenn wir
sehen, wie stark die Gemeinschaftsgesinnung entwickelt ist, und wie
sehr der Einzelne im Ganzen aufzugehen und sich gegebenenfalls für
das Ganze zu opfern bereit ist. Ganz allgemein zeigt sich eine solche Beceitschaft
 zur Hingabe für die Familie, für den Stamm und den Staat
in allen Situationen, in denen diese Gruppen das Eintreten des Einzelnen
 für sie erfordern. Im modernen Westeuropa macht wenigstens im
Kriege der durchgängige krasse Individualismus zum großen Teil einem
entgegengesegten Verhalten Plag. Hier erweist sich auch bei uns inso-
            
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