Full text: Gesellschaftslehre

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Die Gruppe. 
Person gehört die Fähigkeit, Resonanz zu geben auf alle Erlebnisse des 
Auffassenden. Und zu diesen möglichen Erlebnissen gehören natürlich 
auch die ethischen, die man demgemäß auch seinem Partner zuschreiben 
muß. 
2, Die Lebensordnung braucht nicht oder wenigstens nicht in ihrem 
zanzen Umfang formuliert zu sein. Die Lebensordnung, die z. B. 
für die Sprache gilt, entbehrt im allgemeinen der ausdrücklichen Norm 
außerhalb des Bereiches der wissenschaftlichen Behandlung der Sprache. 
Eine Tendenz zur Formulierung kann frühestens bei Verstößen gegen die 
Norm auftreten; solange die bestehenden Normen durchweg reibungslos 
erfüllt werden, ist kein Anlaß zur Formulierung vorhanden. Man kann 
aber nicht sagen, daß die Lebensordnung deswegen fehlt. Sie besteht 
auch nicht allein als tatsächliche Innehaltung gewisser Formen, sondern 
auch als ihre zugrundeliegende Wertempfänglichkeit, die sich auch z. B. 
heim heranwachsenden Kinde oder etwa bei einem von der Gruppe adop- 
tierten Erwachsenen als Wille zur Anerkennung und Unterordnung un- 
ter die bestehenden Formen ‚äußert. Die Norm besteht dann noch nicht 
als Vorstellung, wohl aber im Gefühlsleben. als Wertempfänglichkeit und 
als Willensdisposition. 
3. Der Inhalt der Lebensordnung ist nicht ausschließlich prak- 
tischer Art, wie man zunächst denken möchte. Vielmehr enthält sie auch 
ainen theoretischen Teil in sich in Gestalt gewisser Anschauungen, deren 
Anerkennung von jedem Mitglied gefordert wird: jede Gruppe besitt 
zinen Bekenntnisschatz, von dem abzuweichen eine Verlegung 
der Gruppenordnung bedeutet. Diese Tatsache bedeutet ungefähr das 
Gegenteil unseres heutigen Zustandes: die weitgehende Bekenntnisfrei- 
heit, deren wir uns erfreuen, ist bekanntlich ein mühsam errungenes 
Cut, das nur denkbar ist im Zusammenhang des individualistischen Cha- 
rakters, der der modernen Gesellschaft auf religiösem und weltanschau- 
lichen, auf politischem und sittlichen Gebiet eigen ist. Für die Gruppe 
in idealtypischer Reinheit gilt der Sag: „Gut angezogen sein und gute 
Gesinnungen haben, gehört beides zur Schicklichkeit, zum Anstand!).“ 
Pazifismus und Duellbekämpfung gehörten so für ein Offizierkorps 
früher bei uns zu den „Dingen, die es nicht gibt“. Noch vor einigen Men- 
schenaltern galt bei uns in weiten Kreisen ein Sozialdemokrat als ein 
Abschaum der Menschheit, und noch heute begegnet man in Amerika den 
1) Ferdinand Tönnies, Kritik der öffentlichen Meinung. S. 40. Der Autor 
anterscheidet in diesem Buch zwischen „Öffentlicher Meinung“ und „öffentlicher Mei- 
aung“: die leötere bedeutet jede Anschauung von kollektiver Verbreitung, die erstere 
liejenigen Anschauungen der Gruppe, deren Anerkennung diese von ihren Mitgliedern 
verlangt.
	        
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