Full text: Reparations-Sabotage durch die Weltwirtschaft

Die Reparationssummen als Kapitalbildung zu Gunsten Deutschlands. 57 
Im Ganzen ist von der Reparationskonjunktur dasselbe wie von jeder Konjunk- 
tur zu sagen. Die konjunkturale Ausdehnung des Produktionsapparates und der 
Produktion muß harmonisch sein, es darf keine einseitige Investierung erfolgen; 
das Kräftespiel des Leistungstausches der einzelnen Wirtschaftszellen oder der 
einzelnen Branchen untereinander darf nicht einseitig verlagert werden, es dürfen 
nicht Branchen übermäßig über den Bedarf hinaus bevorzugt werden. Das ist 
eine Gefahr, deren Eintritt oder Nichteintritt in keinem kausalen Zusammenhang 
mit der Besonderheit der Reparationskapitalbildung steht. Wenn also diese Ge- 
fahr, gegen die man bisher kein ausreichendes Schutzmittel angewandt hatl), 
eintritt, so stehen wir nicht schlechter da, als wir stehen würden, wenn die 
Kapitalbildung für Rechnung inländischer Hände vor sich gegangen wäre. Viel 
gefährlicher ist in diesem Zusammenhang die draufgängerische, im wesentlichen 
nur technisch oder wirtschaftsphilologisch orientierte Kapitaldisposition der öffent- 
lichen Hand. Höchstens besteht ein Zusammenhang zwischen konjunkturaler Störung 
der Wirtschaftsharmonie und der Besonderheit der Reparationskapitalbildung in- 
sofern, als die endgiltige Finanzierung durch Auslandsemissionen zu einstweilen 
noch sehr hohen Zinsbedingungen erfolgt, und der übermäßige Zinsaufwand von 
zinskostenintensiven Branchen ®), z. B. von der Baubranche, nicht getragen werden 
kann, sodaß derartige Branchen relativ verkümmern und insoweit das harmonische 
Assortiment der Gewerbszweige zueinander gestört wird. Endlich ist darauf hinzu- 
weisen, daß wir so stark Teil der Weltwirtschaft und so stark in sie verflochten 
sind, daß die harmonische oder nicht harmonische Assortierung unserer 
Produktionsausdehnung garnicht mehr unsere Sache allein ist, sondern nur 
noch im Zusammenhang mit der ganzen übrigen Weltwirtschaft erfolgt. Nur das, 
was rein innerdeutsche Angelegenheit ist, z. B. der größte Teil des Aufwandes der 
öffentlichen Hand, kann zu einer spezifisch deutschen Störung der Wirtschafts- 
barmonie, also prakfisch zu großer Arbeitslosigkeit führen. 
Abgesehen von dieser nicht reparationskausalen Gefahr aber müssen wir eine 
außerordentlich starke Belebung der deutschen Volkswirtschaft durch die unge- 
heure Zwangssparkasse des Reparationsagenten als eine Tatsache ansehen. Man 
kann unmöglich sagen, daß dieser Sinn von unseren Reparationsgläubigern gewollt 
war oder irgendwie gewünscht werden könnte. Durch das Versailler Diktat und 
den Dawes-Plan zwingen uns die ehemals feindlichen Staaten zu erheblicher Mehr- 
arbeit, die sich als Vergrößerung und Verbesserung unseres Produktionsapparates 
niederschlägt, sodaß unsere weltwirtschaftliche. Leistungsfähigkeit in riesigem Aus- 
maße gesteigert wird. Natürlich sind die so entstehenden Kapitalrechte auslän- 
disches Eigentum, aber dieser Umstand wirkt sich nur in der Kapitalverzinsung 
aus und nur in der früher gezeigten Weise, während der hinter den Kapitalrechten 
stehende Produktionsapparat in Form von Stahlwerken, Textilfabriken, Brauereien, 
Kinos, Krankenhäusern, Landstraßenbau usw. sich in Deutschland selbst befindet 
und dort Frucht trägt, wobei die Kapitalverzinsung ja nur einen ganz kleinen 
Prozentsatz des Umsatzes ausmacht, der je mit diesem Wirtschaftsapparat er- 
zielt wird. Anders ausgedrückt heißt das, daß zu diesen Fabriken und Anlagen Men- 
1) Wie ich an anderer Stelle, Mahlberg, Konjunkturbeeinflussung durch Kalkula- 
tions- und Kreditpolitik, Zeitschr. f, Handelswissenschaftl, Forschung, 1927, Heft 5, Verlag 
G. A. Gloeckner, Leipzig, dargelegt habe, glaube ich, daß in der \Differenzierung der Preise 
in die von mir so genannten d- und ßB-Preise ein Diagnostizierungsmittel zur Vermeidung, von 
Kapitalinvestierung in volkswirtschaftlichen Ladenhütern gegeben ist, . 
2) Näheres Mahlberg, Konjunkturbeeinflussung durch Kalkulations- und Kredit- 
politik a. a, 0.
	        
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