Der Unterordnungstrieb.
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stinktes, sondern um eine einfache Anpassung, also um ein außergesell-
schaftliches Verhalten. Es ist dabei namentlich auch angenommen, daß
überhaupt nur ein einzelner Zweck beide Partner zusammenbringt,
zwischen beiden also kein dauerndes persönliches Verhältnis, also auch
keine Gemeinschaft besteht; womit wir denjenigen Boden verlassen
haben. auf dem überhaupt unser Verhältnis seine reinsteEntfaltung findet.
5. Von der Betrachtung des reinen Triebes wenden wir uns jegßt zu
derjenigen seines gemischten Auftretens, das tatsächlich bei
weitem überwiegt. Und zwar kommt als hinzutretender Bestandteil der
Instinkt der Furcht in Betracht. Man muß hier wohl unter-
scheiden zwischen der wesenhaften Verschiedenheit beider Triebe und
ihrer tatsächlichen häufigen Verbundenheit. Zunächst ist der Tatbestand
zu klären, der etwas verwickelt ist und mit dem einen Worte „Furcht‘
nicht völlig gedeckt wird. Die Furcht kann erregt werden entweder
durch sinnliche Reize oder durch Erregungen der Phantasie, die sich auf
drohende physische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Schädigungen
beziehen. Auf dem ersteren Gebiet wird der Furchtaffekt, der sich hier
mit dem unmittelbaren sinnlichen Fluchtinstinkt verbindet, im modernen
Leben mit seiner verhältnismäßig großen Sicherheit von den meisten
Menschen nur in sehr abgeblaßter Form erlebt. Die Reaktion besteht
hier ursprünglich in einem Antriebe, sich zu flüchten oder sich zu ver-
bergen, in unserem gesellschaftlichen Leben dagegen meistens in einem
Zustand der Unsicherheit und Lähmung, auf den wir schon hingewiesen
haben. Eine große Rolle spielt dagegen die Beeinflussung der Phantasie
durch die Vorstellung künftiger Übel und ebenso die entgegengesebte
Beeinflussung durch die Hoffnung künftiger Güter (wobei außer den
bisher allein betonten biologischen auch soziale und geistige Güter in
Frage kommen). Beide wirken bekanntlich als Kräfte der äußeren A n-
passung im menschlichen Leben. Dieselbe Anpassung kann (ur-
sprünglich oder durch eine Art Mechanisierung) auch ohne die Erregung
von Furcht oder Hoffnung zustande kommen gemäß dem Sage: Verhal-
tungsweisen mit günstigen Folgen haben eine Tendenz zur Einbürgerung,
solche mit ungünstigen Folgen eine Tendenz zum Verschwinden. Für das
Leben der Gesellschaft ist offenbar die Anpassung viel wichtiger als die
Furcht vor dem gegenwärtigen Übel; denn sie führt zum Handeln,
während der Fluchtinstinkt in seiner angeborenen Form nur als Mittel
zur Beseitigung physischer Widerstände, in der historischen Form der
Lähmung nur als Mittel der Beseitigung seelischer Widerstände in Frage
kommt. Alles Erfinderische, alle positiven Leistungen können wohl im
Zusammenhang der Anpassung auftreten, nicht aber oder wenigstens
nicht vorwiegend als Folge des Furchtinstinktes.
Vierkandt. Gesellschaftslehre