Full text: Gesellschaftslehre

Der Unterordnungstrieb. 
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Lobgesang auf die Pflicht, in dem bereits mit vollendeter Klarheit unsere 
Haltung von den Motiven der Furcht und Hoffnung abgegrenzt, man 
möchte sagen, gradezu phänomenologisch bestimmt wird. 
„Pflicht! Du erhabener, großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmei- 
chelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangest, doch auch 
nichts drohest, was natürliche Abneigung im Gemüte erregte und schreckte, um den 
Willen zu bewegen, sondern bloß ein Geseg aufstellst, welches von selbst im Gemüte 
Eingang findet, und doch sich selbst wider Willen Verehrung erwirbt.“ — Ähnlich 
folgende Stelle: „Das Bewußtsein einer freien Unterwerfung des Willens unter das 
Geseß, doch als mit einem unvermeidlichen Zwang, der allen Neigungen, aber nur 
durch eigene Vernunft angetan wird, verbunden, ist nun Achtung fürs Gesezß .... 
Das Gefühl, das aus dem Bewußtsein dieser Nötigung entspringt .... enthält als 
Unterwerfung unter ein Geseg ....,keine Lust .... Dagegen aber, da dieser Zwang 
bloß durch Geseggebung der eigenen Vernunft ausgeübt wird, enthält es auch Er- 
hebung.‘“ Kritik der praktischen Vernunft, Reclamausgabe S. 105 und 97. 
Auch die organische Verbindung unseres Triebes mit dem Instinkt des Selbst- 
gefühls im umgekehrten Stärkeverhältnis, also als Instinkt des Selbstgefühls, zeigt 
sich den unpersönlichen Gebilden gegenüber besonders deutlich, z. B. bei dem Be- 
kennen zu bestimmten Ideen oder der Unterwerfung unter bestimmte Anschauungen. 
Man denke etwa an das Selbstbewußtsein, mit dem jemand von der Allmacht des 
Kampfes ums Dasein oder der Herrschaft der Naturwissenschaften in unserem Zeit- 
alter spricht: ein Gefühl der inneren Einheit mit der ganzen Gewalt der hier 
bezeichneten Kräfte steckt dahinter. In demselben Tone kann der Beamte vom 
Staat oder der Priester von der Kirche reden. — 
8. Von außen begünstigt wird die Erregung des Unterordnungs- 
triebes durch gewisse räumliche Verhältnisse, nämlich eine 
erhöhte Stellung der überlegenen Person. Man denke an das Verhältnis 
des Reiters zum Fußgänger oder die Stellung des Fürsten auf dem Thron 
oder an die bekannten Redewendungen, nach der die Schüler zu den 
Füßen ihres Meisters sigen oder der Jüngling zu seinem Vorbild empor- 
blickt. Auch bei dem Anblick einer Burg, zu deren Füßen eine Stadt 
liegt, regt sich in dem Betrachter wohl noch etwas von dem entsprechen- 
den Gefühl. Besonders im Leben vieler von Minderwertigkeitsvorstel- 
lungen beherrschten Psychopathen spielen die Vorstellungen von oben 
und unten eine große Rolle!). Es reiht sich hieran naturgemäß die Frage, 
wieweit auf der einen oder der anderen Seite eine Neigung besteht, 
dieses Verhältnis herzustellen. Für eine solche Neigung sprechen die be- 
kannten Beobachtungen, wie der Überlegene gern im bildlichen oder 
wörtlichen Sinne von oben herab redet, wie er sich reckt und streckt, wie 
cr gern den Kopf hochträgt. Den Unterlegenen läßt umgekehrt die 
Sprache gern emporschauen; und seine Haltung zeigt eine Neigung, in 
sich zusammenzusinken und sich dadurch zu erniedrigen. Man muß diese 
Neigung wohl unterscheiden von der durch die Furcht erweckten. in sich 
0 Adler. Über den nervösen Charakter. S. 147 fg
	        
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