wären, wie ist es dann zu erklären, daß die größte Kolonial-
macht der Erde seit dem Kriege noch niemals weniger als eine
Million Arbeitsloser, sehr oft aber erheblich mehr gezählt hat?
John Maynard Keynes stellt (im ‚Wirtschaftsdienst‘‘ vom
22. Oktober 1926) fest, daß die englische Industrie ein zusätz-
liches Betriebskapital von 100000 Pfund nötig habe, um die
englische Bevölkerung in „angemessenem Ausmaße‘‘ zu be-
schäftigen. Die City aber zieht es vor, ihr Kapital in den Län-
dern des jüngeren Kapitalismus zu investieren, wo, wie Hilfer-
ding treffend nachgewiesen hat, die Profitrate höher ist als in
den hochkapitalistischen Ländern.‘ Die Kolonien wirken also
nicht arbeitslosenvermindernd, sondern sie verhindern im
Gegenteil das Sinken der Arbeitslosenziffern.
Als Einwanderungsgebiete kommen überhaupt nur die
„Arbeitskolonien“ in Betracht, wie Kautsky diejenigen
kolonialen Gebiete genannt hat, die auf der Arbeit der aus dem
Mutterland ausgewanderten Arbeiter und nicht auf. der der
Eingeborenen (die Kautsky Ausbeutungskolonien nennt) be-
ruhen. Wenn Kautsky schon im Jahre 1907 diesen Teil der
Kolonien als den allergeringsten bezeichnete, da die als Arbeits-
kolonien in Betracht kommenden Gebiete, wie die Vereinigten
Staaten, Kanada, Südbrasilien, Argentinien, Chile, Australien,
Südafrika, bereits besetzt und zu selbständigen Staaten gewor-
den sind, so haben sich seit 1907 die Verhältnisse noch weit
mehr in dieser Richtung verschoben. Und schon vor dem Kriege
kamen die deutschen Kolonien als Einwanderungsgebiete für
deutsche Arbeiter kaum in Betracht. Von 28075 Deutschen,
die 1905 über deutsche und fremde Häfen auswanderten, gingen
27 202 nach den Vereinigten Staaten, 84 nach Australien und
57 nach Afrika. Nach Asien kein einziger. 1909 sind nach
Australien, Afrika und Asien zusammen 204 Deutsche aus-
gewandert. Wie die Kolonien als Arbeitsgelegenheiten für die
deutschen Arbeiter gewertet werden können,scheint nach diesen
Zahlen also rätselhaft.
Nicht anders liegt es nach dem Kriege mit den Wanderungs-
verhältnissen Englands. Von den 319 Millionen Einwohnern
Indiens sind rund 200 000 Engländer, von ihnen 70.000, also
nahezu ein Drittel, Soldaten. -
Die Einwanderung von England nach Kanada ist von 1903
bis 1925 gesunken von 384 000 auf 85 000 jährlich. Die zu-
nehmende Industrialisierung hat in den Kolonien zu ähnlichen
Ergebnissen geführt wie in Europa. Einer steigenden Kapital-
investition steht eine sinkende Arbeiterzahl gegenüber. In der
kanadischen Industrie waren 1919 578 733 Arbeiter beschäftigt,
1922 nur noch 462 573. Dagegen war das angelegte Kapital von
2933 auf 3126 Millionen Dollar gestiegen. ;
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