nirgends deutlicher fühlbar macht als in der stärksten Kolonial-
macht der Welt, in England, berechtigt uns nicht zu der Hoff-
nung, daß die Einsicht, daß die koloniale Epoche sich ihrem
Ende nähert, die Kapitalistenklasse dazu bewegen wird, dieses
Ende zu beschleunigen. Wir erwarten das deshalb nicht, weil
dieses Ende zugleich das Ende der stärksten Stütze des Kapi-
talismus bedeuten würde,
Um so notwendiger aber ist es für die Arbeiterklasse der
ganzen Welt, daß sie diese Zusammenhänge erkennt, Not-
wendig vor allem, daß sie sich von der Illusion frei macht, daß
Kolonialpolitik heute irgendwo einen Vorteil für die Arbeiter-
schaft bedeuten könne. Die Ausbeutung vieler Millionen ein-
geborener Proletarier rächt sich in unmittelbarer Wirkung an
den proletarischen Klassengenossen der Kernländer. Damit ist
die Kolonialfrage nichts anderes als ein Teil
der. sozialistischen Politik überhaupt, d.h.
sie ist nur lösbar durch Zusammenarbeit der sozialistischen Par-
teien der ganzen Welt. Die Lösung dieser Frage liegt für den
Augenblick ganz gleichmäßig im Interesse der europäischen wie
der außereuropäischen Arbeiterschaft. Wir können heute nicht
darüber abrechnen, welcher Teil den größeren Nutzen an der
Lösung dieser Frage hat, wir haben auch innerhalb Europas kein
Recht, uns etwa als die „Befreier‘‘ der Kolonialvölker hinzu-
stellen. Wir haben nur zu fragen, auf welcher Seite die größere
Verpflichtung liegt, diese Frage ernsthaft in Angriff zu
nehmen, und die liegt zweifellos bei der europäischen Arbeiter-
schaft auf Grund ihrer jahrzehntealten Tradition und Schulung.
Über den Augenblick hinaus aber ist die Beendigung der
kolonialen Ausbeutungspolitik untrennbar verbunden mit der
Erreichung des Endziels des Sozialismus.
Nicht zum erstenmal nimmt die Sozialistische Arbeiter-
internationale Stellung zum Kolonialproblem. Zuletzt hat sie
auf ihrem internationalen Kongreß in Stuttgart 1907. über
dieses wichtige Problem eifrig diskutiert. Seitdem haben sich
die Ereignisse vielfach gewandelt, aber wir können heute fest-
stellen, daß es in der Richtung der von unseren Genossen dort
aufgezeigten Tendenzen geschah. Der Stuttgarter Beschluß ist
in seiner grundsätzlichen Einstellung heute noch unverändert
richtig, ist aber leider so sehr in Vergessenheit geraten, daß an
dieser Stelle noch einmal an ihn erinnert werden soll. Nach hef-
tiger Debatte wurde die von der Minderheit der Kommission
(Ledebour, Wurm, de la Porte, Bracke, Karski) vorgeschlagene
Resolution in folgendem Wortlaut angenommen:
„Der Kongreß ist der Ansicht, daß die kapitalistische Ko-
lonialpolitik ihrem innersten Wesen nach zur Knechtung,
Zwangsarbeit oder Ausrottung der eingeborenen Bevölkerung