Überhaupt ist die heute noch vorliegende Unkenntnis funktio—
neller überwälzungserscheinungen m. E. als Ursache dafür
anzusprechen, daß unsere ganze Sozial-, Steuer- und
Wirtschaftspolitik vielfach noch im Dunkeln tappt und
die Wirtschaft — wie vor einiger Zeit noch die Medizin den
Menschen — an den Symptomen statt an den konstitutio—
nellen Wurzeln des Übels behandelt und zu kurieren trachtet.
Jedenfalls aber ergibt die obige Erwägung grundsätzlicher
und theoretischer Art, daß in diesen Fällen ein und die—
selbe Ursache, je nach Eigenart der Materie, auf die sie
wirkt, verschiedenen Erfolg auszulösen vermag. Auch
hier setzt die wirtschaftspolitische Anwendung des theo—
retischen Rüstzeuges, sobald es geschaffen ist, Kenntnis
der Materie des Stoffes voraus.
Ein weiteres Beispiel sei aus der allgemeinen Währungs—
politik geholt. Heutzutage wird die Frage immer wieder
bentiliert, ob es nicht besser sei, für einen stabilen Geldwert
auf andere Weise als durch Bindung des Geldwertes an
den Stoffwert des Goldes zu sorgen, wie das sonst bekannt—
lich in der Goldwährung durch die freie Prägbarkeit des
Goldes usf. erreicht wird. Hier spielt u. a. die Frage nach
der wahren Wertstabilität des Goldes eine bedeutsame
Rolle. Nur die Kenntnis der funktionellen Zusammenhänge
zwischen der Wertbildung des Goldes und der Preisbildung
der einzelnen Produktionsfaktoren einerseits, und der Preis—
und Wertbildung der letzteren untereinander andererseits
kann m. E. die Grundlage für die erwünschte Lösung der
Frage schaffen. Auch hierbei wird uns Materialkenntnis
von Vorteil sein, und werden die Leistungen des Wirtschafts—
historikers und Wirtschaftsstatistikers erfolagreich
herangezogen werden können.
An solchen Beispielen ließen sich ihrer noch mehr erbringen.
Vor allem verbietet es mir nur der mir gesetzte enge Rahmen
der Darstellung, hier eine reiche Zahl von Leistungen hervor—
ragender Wirtschaftstheoretiker der Gegenwart als Beispiele
und als Beweise dafür anzuführen, daß die Entwicklung der
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