Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 829
freilich, mit dem ersten Frühlingssonnenstrahl, in sein geliebtes
„Loch“ nach Potsdam zurückzukehren; noch immer bereiste er
seine Provinzen; noch immer erging Order auf Order über
Kleinstes und Größtes vom königlichen Schreibtisch.
Was aber den König noch frischer erhielt, war im Grunde
ein doch noch Tieferes und Anderes: der Verkehr mit den
Musen. Kunst und Wissenschaft hoben ihn immer wieder über
die Misere der Einsamkeit und den trockenen Gang der Ge—
schäfte in die Höhenluft eines harmonischen Daseins. Und
auch auf diesem Gebiete erst werden Charakter und Schicksal
des Königs, von den herben Stunden der Jugendzeit bis zu
den kalten Tagen des Greisenalters in Sanssouci, ganz ver—⸗
ständlich.
Friedrich war in mehr als einer Hinsicht ein frühgeborener
Sohn der Empfindsamkeit; und eben aus dem Reichtum seines
Gemütes her hat er den großen Strömungen der deutschen
Kulturentwicklung seinen Tribut entrichtet. Allein in dieser
Stimmung und Haltung vereinzelt aufgewachsen, zudem in
ihr durch alle Härten einer verständnislosen Erziehung zu
frühreifer Klärung und Sammlung vorwärts getrieben, suchte
er die geistige Heimat seiner Wahl nicht in dem langsamen
Heranreifen seines Volkes aus Empfindsamkeit über Sturm
und Drang zum Klassizismus. Und hätte er es denn auch
nur zeitlich vermocht? Jenseits seines Lebens liegen die Höhe—
zeiten jener Dichtung der Weimarer Großen. Vielmehr rück—
wärts gewandt fand er die Sehnsucht seiner Seele im fran⸗—
zösischen Klassizismus befriedigt und bewunderte in Voltaire
dessen spätesten noch auf Erden weilenden Sendling.
Es war eine Stellungnahme, die er sein Leben lang nicht
aufgegeben hat. Nur daß die aus ihr entspringenden Forderungen
mit steigendem Alter immer innerlicher, immer geschlossener
wurden. Da kehrte er nun erst recht bei den Franzosen ein
und unterhielt sich mit den jüngsten Toten, mit Voltaires
Schriften oder Rollins „Geschichte des Altertums“. Da gewann
er in immer klarer hervortretendem Fortschritte noch lieber die
Alten selbst, las Curtius und Diodor, befragte Seneca und
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 2. 53