Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 827
Ruhe, das ist alles, was er sich von Atropos' Schere ver⸗
sprach. Ließ er aber dennoch einmal die Möglichkeit zu, daß
der Geist die irdische Hülle überleben werde, so getröstete er
sich eines Allerbarmers: denn undenkbar war ihm, daß der
Schöpfer auch nur eines seiner Geschöpfe mißhandeln könne.
Aber — und hierin lebte wiederum das andere Teil
gleichsam seines Wesens empor: die Seele ging ihm überhaupt
nicht in Philosophemen auf, sondern im Handeln; und vom
Handeln her hob sich der königliche Sänger in feierlichen
Augenblicken fromm, ehrfurchtsvoll, dem Geheimnisvollen ver⸗
trauend empor zu den Mächten, die über uns wohnen.
Nicht darfst du Gottes Weisheit ständig nennen,
Statt deiner Einsicht Schwäche zu bekennen.
Er, der Allmächt'ge, setzte dir die Schranken,
Die all dein Vorwitz nimmer bringt ins Wanken.
Vielleicht will er durch diese Finsternisse
Demüt'gen die Vernunft, die selbstgewisse,
Die schon frohlockte, wenn sie hie und da
Im Streiflicht eine Wahrheit dämmern sah.
Vermess'nes Menschenkind, rebellisches Atom!
Wie viel fehlt dir, daß sich dein Glück erfüllte
Und deinem blöden Blicke sich enthüllte
Das ewige Gesetz im Weltenstrom!
Liegt in diesen Worten der Quietismus frommer Resig⸗
nation? Mit nichten! Wie dem Könige der Glaube am Ende
nichts als die verdichtete Erfahrung menschlichen Handelns
war, so führte er ihn zum Handeln zurück. Und Handeln
hieß ihm tätig sein für andere. Und so ergab sich für ihn
als zentrale Kraft einer praktischen Frömmigkeit der harte
Begriff der Pflicht: und in ihm allein, im Bewußtsein könig—
licher Pflichten mehr denn königlicher Rechte hat er geatmet.
Aber selbst in diesen Höhen erschloß sich ihm wieder ein
Kreis weitflutender Empfindung. Gerade nach großen Er—
folgen neigte schon der jugendliche König zu weltschmerzlichen
Stimmungen — Stimmungen, die aus der Betrachtung der
Geringfügigkeit des Erreichten im Verhältnis zu den erstrebten
Idealen hervorgingen. Und diese Neigung wuchs mit den