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Giordano Bruno.
ziehung auf das empfindende Subjekt Geltung haben wollen. So
wie nur das Gesicht über die Farben, nur das Gehör über Töne
urteilen kann, so sind unsere empirischen Erkenntniskräfte trotz
der Grenzen, die ihnen gesteckt sind, das einzige und vollgültige
Mittel, um uns in der Welt unserer unmittelbaren Erfahrung hei-
misch zu machen. Töricht wäre es, die Sinnendinge mit einem
Maasse messen zu wollen, das nur für das ewige und unveränder-
liche Sein geschaffen und angelegt ist. Es sind zwei gänzlich ver-
schiedene Bedingungen des Erkennens, die in beiden Fällen ob-
walten: „stupidi est discursus velle sensibilia ad eandem condi-
tionem cognitionis revocare, in qua ratiocinabilia et intelli-
gibilia cernuntur“. „Die Objekte der Empfindung sind wahr, nicht
nach irgend einem abstrakten und allgemeinen Maassstab, sondern
nach dem ihnen gleichartigen, besonderen und eigentümlichen
Maasse, das selbst als wandelbar und veränderlich anzunehmen ist.
Von sinnlichen Inhalten eine allgemeine Bestimmung und Defini-
ion geben zu wollen, ist daher. nicht anders, als wenn man das
Intelligible vom Standpunkt der Sinnlichkeit beurteilen wollte“.30)
Die Scheidung der Vermögen schliesst also jetzt zugleich die
Anerkennung ihrer Eigenart und der ihnen eigentümlichen
Funktion in sich. Fast scheint damit ein Standpunkt erreicht,
wie er Kants Habilitationsschrift: „De mundi sensibilis atque
intelligibilis forma et principiis“ kennzeichnet: das Sinnliche und
[ntelligible bilden zwei streng gesonderte Reiche des Seins, die
nach verschiedenen Prinzipien der Erkenntnis aufzufassen und
zu beurteilen sind. Nur dass sich für Giordano Bruno kein Weg
und kein Mittel bietet, um innerhalb der Welt der Erscheinungen
selbst allgemeingültige Sätze und Relationen herauszusondern,
dass ihm hier somit die individuelle Beschaffenheit jedes Ein-
zelsubjekts die einzige Richtschnur bleibt.#) Die Möglichkeit
einer exakten und notwendigen Wissenschaft der Phänomene,
auf die Brunos Tendenz eigentlich abzielt, ist nicht gewährleistet,
denn, wenngleich die beiden Potenzen der Erkenntnis für sich
allein nunmehr nach ihrer charakteristischen Leistung gewürdigt
sind, so ist doch ihr Zusammenwirken an ein und dem-
selben Inhalt des Bewusstseins nach den bisherigen Voraus-
setzungen nicht zu begreifen. Die Korrelation von Denken und
Sinnlichkeit, von Vernunft und Erfahrung, die Galilei zur wissen-