62 Zweiter Teil. Landet. III. Zur Geschichte von Landet und Industrie.
und Beamtenverfaffung ist, existieren noch starke Gegengewichte, welche ihren monopol
artigen Einfluß in der Volkswirtschaft und Gesetzgebung, sowie im Staatsleben im
ganzen hemmen, ihren großen Gewinnen gewisse Schranken sehen.
Die höhere Schicht der kaufmännischen Welt stützt sich auf ihren beweglichen
Kapitalbesih, wie die Grundaristokratie auf ihren Grundbesitz. Aber es ist eine sehr
schiefe Auffassung, aus dem Kapital an sich alles heute abzuleiten, was Folge der
technischen, geistigen und moralischen Eigenschaften der Kaufleute, was das Ergebnis
ihrer Marktkenntnis und -beherrschung, ihrer Organisation, ihres teilweise vorhandenen
Monopolbesitzes der Geschäftsformen und Geschäftsgeheimnisse ist. Ihre Stellung in
der modernen Volkswirtschaft hat man lange von der günstigsten Seite, neuerdings
unter dem Eindrucke gewisser Mißbräuche und Entartungen, auch unter dem Einflüsse
sozialistischer Theorien vielfach überwiegend zu ungünstig be- und verurteilt. Gewiß
kann der habsüchtige Landelsgeist entarten, in herrschsüchtiger Monopolstellung für
Volkswirtschaft und Staat große Gefahren bringen. Aber nie sollte man dabei über
sehen, daß die arbeitsteilige Ausbildung des Landelsstandes der Fortschritt ist, der
unsere moderne Volks- und Weltwirtschaft schuf. And stets sollte man sich klar sein,
daß dieser Landelsgeist, je nach den Menschen, ihren Gefühlen und Sitten, ihrer
Moral und Rasse, etwas sehr Verschiedenes sein kann. Eine fortschreitende Versitt-
lichung der Geschäftsformen kann die Auswüchse des egoistischen Landelsgcistes ab
schneiden; ein reeller Geschäftsverkehr, eine steigende Ehrlichkeit und Anständigkeit in
Lande! und Wandel kann Platz greifen;' durch Staats- und Kommunalbanken, durch
Genossenschaften und Vereine, die wirtschaftliche Funktionen übernehmen, teilweise auch
durch das Aktienwesen und seine Beamten kommt in einen Teil des Geschäftslebens
ein anderer, zugleich auf Gesamtinteressen gerichteter Geist. Die großen Organisationen
der Industrie und der Landwirtschaft haben sich teilweise schon von der Vorherrschaft
des Ländlertums befreit. Alle Gefahren wucherischer Ausbeutung der übrigen Volks
klassen und des Staates durch die Ländler werden in dem Maße zurückgedrängt, wie
das ganze Volk die modernen Landels- und Kreditformen erlernt und beherrscht.
Für das Verständnis der neueren politischen und volkswirtschaftlichen Entwickelung
der Kulturvölker ist es eine Erscheinung von größter Bedeutung, daß von den drei
durch Arbeitsteilung entstandenen aristokratischen Gruppen der Gesellschaft die beiden
ersteren, die Priester und Krieger, wenn nicht verschwunden, so doch ihrer Übermacht
entkleidet sind; ihre Berufe dauern in wesentlich anderen gesellschaftlichen Formen heute
fott. Wohl gibt es noch Staaten mit starker Priesterschaft; aber die höherzivilisierten,
besonders die protestantischen, haben eine Geistlichkeit, einen Lehrerstand ohne wirtschaft
liche Vorrechte und Übermacht. Wohl gibt es noch Militärstaaten, wie Preußen,
aber der Offiziersstand herrscht nicht, rekrutiert sich aus allen Kreisen der Gebildeten;
die allgemeine Wehrpflicht hat das proletarische Söldnerbcrufsheer mit seiner einseitigen
Arbeitsteilung abgelöst.
Die Landelsaristokratie der Gegenwart konnte und kann nicht ebenso verschwinden,
weil ihre arbeitsteilige Funktion, die Leitung und Regulierung der wirtschaftlichen Pro
duktion, der Verteilung der Güter erst in den letzten 2—3 Jahrhunderten entstand und
heute unentbehrlich ist. Wäre der Lande! aller Zwischenhändler so entbehrlich, wie die
Sozialisten meinen, verdienten die kaufmännischen Fabrikleiter ihre Gewinne nur mit
demselben Rechtstitel wie die Jungen, die über die Mauer steigen, um Äpfel zu stehlen
<Kautsky), dann wäre diese Landelsaristokratie auch schon verschwunden. Sie wird
bleiben, so lange sie am besten große und wichtige Funktionen der Volkswirtschaft ver
sieht. Aber ihre einseitige Lerrschaft wird abnehmen, wie wir eben schon andeuteten.