398 Dreizehntes Buch. Zweites Kapitel.
enden, die geistlichen Dispens und kirchliche Bevorzugung, ja
nach volkstümlicher Anschauung selbst die Vergebung der Sünden
um Geld verkaufte? Der innere Zusammenhang zwischen dem
unersättlichen Streben papaler Weltherrschaft und der dem
Innern des Einzelherzens zugewandten Reformation Luthers
tritt hier zu Tage.
Indes um die Wende des 14. und 15. Jahrhunderts war
die finanzielle Ausbeutung der Laienwelt und damit die Be—
drängnis der religiösen Gemüter noch in den Anfängen; zunächst
trugen noch die kirchlichen Institutionen die Last der papalen
Ansprüche. Die Kirche vor allem war es darum, die sich
gegen diese Machtausdehnung der Kurie wendete; sie hatte
zu protestieren gegen den Anspruch, daß der Papst die Kirche
sei. Sie hat es gethan in der konziliaren Periode des 15. Jahr⸗
hunderts. So handelte es sich in dieser Bewegung nicht um
den Glauben, sondern um die Kirche, nicht um die Christen,
sondern um den Klerus: unbedingt ihrem tieferen Wesen nach
getrennt sind die Vorgänge dieser Zeit von den religiösen Be—
wegungen des 16. Jahrhunderts.
II.
Abgesehen von den allgemeinen kirchlichen Bewegungen
wurde das Papsttum des 14. Jahrhunderts aber auch
noch von anderer Seite her bedrängt. Mit dem Jahre 1305
hatte das babylonische Exil der Kurie begonnen: die Päpste
waren in die Gewalt der französischen Könige gefallen. Das
führte anscheinend zunächst noch zu einer weiteren Steigerung
der päpstlichen Gewalt; den kurialen Ansprüchen wurde die
nationale Kraft der Franzosen als weltliche Grundlage unter⸗
geschoben. Allein gegen dies national gewordene Papsttum er—⸗
hob sich nun bald das wachsende Nationalgefühl der anderen
westeuropäischen Völker. Und den Ausschlag in dieser Rich—
tung gab noch einmal die deutsche Nation, obwohl oder viel—
mehr zum Teil weil sie Trägerin der kaiserlichen Krone war.
Sie stellte sich in ihren bürgerlichen Kreisen seit etwa 1825
gegen das Papsttum; ihre oligarchische Vertretung schloß über