Bis vor kurzem erblickte die überwiegende Mehrheit
der rein marxistisch eingestellten Kreise in der WUVeber-
führung privatwirtschaftlicher‘ Unternehmungen in die
öffentliche Hand keineswegs einen Schritt zur Verwirk-
lichung ihres Programms, Wenn von Sozialisten derartige
Vorgänge unterstüzt wurden, so geschah das im wesent-
lichen aus der grundsätzbkich feindlichen Ein-
Stellung gegen die Privatwirtschaft, also
nur mittelbar in Uebereinstimmung mit der marxisti-
schen Zielsetzung. Nachdem nach der Revolution 1918 die
sozialistischen Mehrheitsregierungen sich plötzlich vor der
Aufgabe sahen, den Sozialismus, d. h den sozialistischen
Staat und die sozialistische Wirtschaftsordnung zu‘ ver-
wirklichen, scheiterte die Durchführung des marxisti-
schen Programms, abgesehen von tatsächlichen Unmöglich-
keiten, u.a. an der Verschwommenheit des Be-
griffs „Sozialisierung‘“ und dem dadurch hervor-
gerufenen Streit der Meinungen über Ziel, Mittel und
Wege zu deren Verwirklichung. Seitdem ist mit einer
anderen Einstellung dieser Kreise zum Staat eine
Aenderung in der Ausdeutung der Prophezeiungen ‚und
Dogmen von Marx und Engels erfolgt. Gewiß gab es und
gibt es auch heute noch im sozialistischen Lager Verfechter
der These, daß eine Verstaatlichung der Wirtschaft keine
Verwirklichung des Sozialismus im marxistischen Sinne
und auch nicht eine Vorstufe dazu ist. Man verlangt statt
dessen nach wie vor die Enteignung der besitzenden Klassen
und den Uebergang des Eigentums an den Produktions-
mitteln auf die Arbeiterschaft, wobei man Sich, wie 1918,
darüber ‘ streitet, ob in diesem Falle die Arbeiter-
schaft eines. Produktionszweiges oder die-
jenige des einzelnen zu enteignenden Betriebes dieses
Eigentum gewinnen sollen. Meinungsverschiedenheiten
gab und gibt es auch noch darüber, ob alles auf einmal
und sofort sozialisiert werden soll oder nicht. Die
Früchte jener sogenannten Sozialisierungsepoche sind an
anderer Stelle dieser Ausgabe behandelt.
Ebenso wie es notwendig war, die marxistischen
Dogmen einer starken Revision zu unterziehen, ist in den
letzten Jahren auch eine theoretische und rrogrammatische
Aenderung in der Einstellung der Sozialisten zur
Öffentlichen Wirtschaft erfolgt. Zu erwähnen
ist da zunächst diejenige Richtung, die darauf hinweist,
daß „alle blutige soziologische Kritik von Marx und
Engels an der Privatwirtschaft hinsichtlich der Herr-
schaftsposition des Kapitalistischen Machtstaates doch
grundlegend nichts ändern könnte, wenn sie in indivi-
dualistischer Befangenheit die Trennung der
Arbeiter von den Produktionsmitteln als
das Urübel bezeichnete, statt zu der Einsicht ‚vorzu-
dringen, daß das eigentliche soziale Gebrechen in der
Trennung des Staates von den Produktionsmitteln, in
der Absperrung des Gemeinwesens von allem sach-
wirtschaftlichen Reichtum der Nation bestehe“. Die Ver-
gesellschaftung der Produktionsmittel sei eine Verlegen-
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