Full text: Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

zu dieser oder jener Frage stehen. Da aber beider An- 
sichten voraussichtlich nur selten übereinstimmen werden, 
und da es sinnlos wäre, etwa auf dem Boden der Handels- 
kammer die eine Gruppe getrennt von der anderen sprechen 
zu lassen, so bliebe der Regierung schließlich nichts anderes 
übrig, als neben der paritätischen Handelskammer erst 
recht die Arbeitnehmer- sowie die Unter- 
nehmerverbände zu hören. Jedenfalls würden diese 
larauf bestehen, gehört zu ‚werden, -Ein solches Verfahren 
aber müßte den ohnehin schon schwerfälligen Gang der 
öffentlichen Verwaltung noch mehr belasten. 
Doch noch eins! Ziehen die Arbeitnehmer mit gleichen 
Rechten wie die Unternehmer in die Handelskammern ein, so 
ändert sich deren Wesen vor allem hinsichtlich ihrer Stel- 
lung im öffentlichen Leben. Schwerlich.. wird sich dann 
nämlich der bisher durch Gesetz, Satzung und Praxis be- 
‘onte Grundsatz aufrechterhalten lassen: 
Keine Politik in der Handelskammer. 
Schon die Gliederung der Verbände der Arbeiter läßt Ein- 
lüsse der politischen Parteien kaum vermeiden. Mehr oder 
weniger stehen diese Verbände einer politischen Partei 
nahe, wenn sie nicht gar stark von ihr beherrscht sind. 
)b man also will oder nicht: durch die Verbände 
weht die politische Luft in die Kammern 
hinein. Sie durchweht damit zugleich deren Art und gibt 
'hnen ein Gesicht, das ihnen völlig fremd ist. Da aber die 
Kammern eben wegen ihres unpolitischen Gepräges sich von 
der Politik fernhalten, suchen die Wirtschaftskreise poli- 
tischen Einfluß nicht durch die Kammern, 
sondern durch die freien Verbände zu gewinnen. 
Diese können, weil sie durch das Gesetz nicht beengt sind, 
alle politischen Fragen behandeln, die mit der Wirtschaft 
zusammenhängen. Sobald man jedoch die Kammern pari- 
‘ätisch gestaltet, würde sich dieser Zustand voraussichtlich 
völlig verschieben. Vielleicht würde der politische Einschlag 
den Handelskammern einen-starken Auftrieb geben. Nament- 
lich, wenn die Arbeiterschaft mit ihnen ginge, würden sie an 
Schlagkraft gewinnen, die Gesetze nachhaltig beeinflussen. 
Vielleicht sogar mehr noch, als heute die Verbände. 
Aber man würde hierdurch die wirtschaitlichen 
Gegensätze und die politischen Kämpie in die 
Handelskammern tragen 
und deren eigentliche Arbeit zur Pflege der gesamten Inter- 
assen der Wirtschaft beeinträchtigen. 
Eine solche Entwicklung wird jedoch niemand wollen, 
dem daran gelegen ist, der Wirtschaft und damit dem Staate 
selbst nur mit sachlichen Gründen zu dienen. Da die Kam- 
mern keine Urteile sprechen, keine Vorschriften erlassen, 
lenen sich die Arbeiter unterwerfen müssen, so liegt kein 
Anlaß vor, sie paritätisch zu gestalten. Deshalb ist es für 
alle Teile zweckmäßiger, das Gebilde der Kammern nicht zu 
stören und den Arbeitern ein eigenes selbständi- 
zes Sprachrohr zu geben, wenn sie noch mehr zu 
Wort kommen wollen, als es ihnen durch ihre freien Ver- 
bände möglich ist. 
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