Kapitel II. Höhepunkt und Niedergang der klassischen Schule. Stuart Mill. 413
Hierin stimmt die englische klassische Schule der Manchesterianer
fast völlig mit der französischen Schule überein x ).
Anscheinend könnte man darauf erwidern, daß unter der Herr
schaft der freien Konkurrenz alle Werte auf die Produktionskosten
zurückgeführt werden, und folglich alle Produkte sich auf Grund der
Hegel: „gleiche Arbeit für gleiche Arbeit“ austauschen müssen, so
daß dieser angebliche Vorteil zum Schluß verschwinden müsse.
Ricardo hat aber schon auf diesen Einwurf geantwortet, daß, wenn
die Regel „gleiche Arbeit gegen gleiche Arbeit“ wirklich den
Austausch zwischen Individuen der gleichen Nationalität regiert, sie
doch keineswegs den Austausch zwischen verschiedenen LänderiP'be-
herrscht, weil der nivellierende Einfluß der Konkurrenz nicht mehr
in Wirkung tritt und zwar wegen der Schwierigkeit, der das Kapital
und die Arbeit bei ihrer Übertragung von einem Lande, auf das andere
unterliegen. Es kam daher nicht darauf an, die Arbeit oder die
respektiven Kosten desselben Produktes in den beiden
Ländern zu vergleichen, sondern nur die respektivenKosten
zweier Produkte (des eingeführten und des ausgeführten) im
gleichen Lande. Hierdurch wurde die Theorie gestärkt, die die
Vorteile des internationalen Handels an der ersparten Arbeit mißt * 2 ).
*) Übrigens legt Eicakdo selbst die Vorteile des internationalen Handels in
Ausdrücken dar, die Bastiat sich hätte aneignen können: „In einem System voll
kommener Handelsfreiheit verwendet jedes Land sein Kapital und seine Industrie in
der Weise, die ihm am nützlichsten erscheint. Die Zwecke des persönlichen Interesses
stehen in vollständiger Übereinstimmung mit dem allgemeinen Wohl der ganzen Gesell
schaft. So gelangt man — ... indem man aus den Wohltaten der Natur den größtmög
lichen Vorteil zieht, zu einer besseren Verteilung und zu größerer Sparsamkeit in
der Arbeit. Zur gleichen Zeit verbreitet die Vermehrung der allgemeinen Menge
von Produkten überall Wohlstand: der Austausch verbindet durch gemeinsame
Interessenbeziehungen alle Teile der zivilisierten Welt untereinander und macht sie
zu einer einzigen großen Gesellschaft. Dieses Prinzip schreibt vor: Wein soll in
Prankreich und in Portugal erzeugt werden, Getreide in Polen und in den Vereinigten
Staaten, und Eisenwaren wie andere Gegenstände werden in England hergestellt“
(Eicakdo, (Euvres, franz. Übers. S. 105).
2 ) Doch kann sich aus der Theorie Eicakdo’s folgendes ergeben, was zunächst
paradox erscheint: ein Land nämlich kann seinen Vorteil dabei finden, nicht nur,
wie selbstverständlich, die Gegenstände einzuführen, die es nur unter schwereren $
Bedingungen als seine Konkurrenten herstellen kann, sondern auch die Produkte,
in denen es s.einen Konkurrenten relativ überlegen ist, wenn es imstande
sein sollte, sie mit einem Produkt zu bezahlen, für die es eine noch ausgesprochenerere
Überlegenheit besitzt. In diesem Falle findet es seinen Vorteil, sich des Produktes,
für das seine Überlegenheit am höchsten ausgebildet ist, als eines einfachen Tausch
mittels zu bedienen, um sich irgendein anderes Produkt zu verschaffen.
„Nehmen wir an, zwei Arbeiter verstehen, der eine wie der andere, Schuhe und
Hüte zu machen. Der eine ist in beiden Professionen besonders geschickt; wenn
er aber Hüte macht, ist er seinem Konkurrenten nur um ein Fünftel oder 20 % über
legen, während er in der Herstellung von Schuhen ihn um ein Drittel oder ß3°/ 0
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