Falsche Romantik um die Betriebsdemokratie.
Von Dr. Robert Holthöfer (Essen).
Die Betriebsdemokratie ist in der von den Freien Gewerkschaften
herausgegebenen Programmschrift „Wirtschaftsdemokratie,
ihr Wesen, Weg und Ziel‘ auf zwei
Seiten recht stiefmütterlich behandelt. Das ist selbstverständlich.
Denn selbst der größte Betrieb ist immer noch
klein genug und genügend kontrallierbar, um große programmatische
Versprechungen daran’ sofort überprüfen zu können,
und zwar mit jener als Folge der Betriebserfahrung sich einstellenden
peinlichen Nüchternheit. Die Freien Gewerkschaften
verlegen daher vorsichtigerweise in ihrer Programmschrift
das entscheidende Gewicht, von dem angesichts ihres
Disherigen Versagens das bessere Funktionieren der Betriebsdemokratie
in Zukunft abhängig gemacht wird, nach
außen, und stellen fest, daß sich „alles, alles wenden“ wird,
wenn erst einmal die „überbetriebliche Wirtschaftsführung“‘
sichergestellt ist.
Sucht man daher nach der anfeuernden Wirkung, die
durch die Wirtschaftsdemokratie innerhalb der Betriebe ausgelöst
werden soll, dann muß man über die Programmschrift
der Freien Gewerkschaften und den ihrem Erscheinen
vorangehenden „Hamburger Gewerkschaftskongreß‘“ hinaus
auf den „Breslauer Gewerkschaftskongreß‘“ des Jahres
1925 zurückgreifen, wo Prof. Hermberg und der Verbandsvorsitzende
Jaeckel die Wirtschaftsdemokratie zwar nicht
erfanden (Leipart), sie aber doch zum erstenmal in der
Oeffentlichkeit methodisch behandelten.
Bei dieser Gelegenheit schnitt Jaeckel ein Problem an,
über das es sich wohl lohnt, im Rahmen der Wirtschaftsdemokratie
nachzudenken, das Problem der „Arbeitsfreude“.
Jaeckels Ansicht hierüber kommt in folgenden Sätzen zum
Ausdruck: „Die Persönlichkeitsenergie muß im Arbeiter entfaltet
werden, d. h. der Arbeiter muß Freude: an der Arbeit
haben, er soll seine Seele in die Arbeit hineinlegen und mit
seiner ganzen Persönlichkeit in ihr aufgehen. Er soll Freude
haben an der Arbeit. Dann erst wird es möglich, die
Qualität und Quantität der Arbeitsergiebigkeit zu steigern
und Deutschland konkurrenzstark auf den Märkten der Welt
zu machen.“ (Protokoll Seite 205.) „Aber alles das Angeführte
kann nur durchgeführt werden in einer Wirtschaft,
in welcher bewußt der Demokratie zugestrebt wird.‘ (Protokoll
Seite 306.) „Diese Demokratisierung der Wirtschaft
kann nur erreicht werden durch fortgesetzten, intensivsten
Kampf der Arbeiter der einen Klasse gegen die andere.“
(Protokoll Seite 206.)
Nun, wir können Herrn Jaeckel noch ergänzen. Da ja
bekanntlich nach Ansicht des Sozialismus die Demokratie in
Staat und Wirtschaft die beste Plattform für den Klassenkampf
ist, um sein Programm zu verwirklichen, wird in der
Wirtschaftsdemokratie — also auch dann, wenn die „überbetriebliche
Wirtschaftsführung‘ der freigewerkschaftlichen
Programmschrift (Seite 152) erreicht ist. der Klassenkampf
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