Full text: Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

„Parlament“, sehr leicht einer Verfälschung ihres ursprüng- 
lichen Sinnes unterworfen sind: Durch „Korrupt ion“, 
die erste, durch „Bürokratisierun g‘“, die zweite, 
und -durch „parlamentarischen Kretinismus“, 
die dritte. Oder dürfte Borchardt so ganz an den Ver- 
BL ESC der Wirklichkeit vorbeigeschaut haben, als er 
schrieb: 
„Das Volk wählt Abgeordnete, im übrigen hat es 
das Maul zu halten und sich nach Hause zu trollen“, 
oder ist des bekannten Preußensozialisten Heilmann: „Fest- 
stellung, daß die parlamentarische Regierungsweise zWar 
einige sozialdemokratische Abgeordnete in Ansehen und 
Einkommen unendlich erhöht“ — abgesehen von dem 
kleinen Irrtum bezüglich der Zahl der also Erhöhten —, 50 
ganz olme Gewähr dafür, daß sie den Beifall weitester 
Kreise unseres inzwischen durch die Erfahrungen der radi- 
kalen Demokratie gegangenen Volkes finden wird? Und 
nun soll dieses Prinzip der „politischen Bürokratie“ und 
des „parlamentarischen Kretinismus‘“ zu einer Zeit, wo €S 
in einer ganzen Anzahl von Staaten — darunter auch in 
Deutschland — eine ernsthafte Krise durchmacht, aus- 
gerechnet auf die Wirtschaft ausgedehnt werden, wo 
unbürokratische Schnelligkeit in Entschluß und Anpassung 
alles, und wo das Halten parlamentarischer Reden und 
das Festhalten von langatmigen Protokollen nichts be- 
deutet, 
In dem Gelbbuche, das die englische liberale Partei im 
vergangenen Jahre veröffentlichte, heißt es in dem Kapitel 
„Der öffentliche Konzern“: „Der Individualismus ist nach 
unserer Ansicht am erfolgreichsten und der Sozialismus 
am wenigsten erfolgreich gewesen, wenn es sich um die 
rein praktische Frage handelt, eine befriedigende 
und wirksame Technik für die tatsächliche Ge- 
schäftsführung zu entwickeln. Die Stärke des In- 
dividualismus als Technik einer wirkungsvollen Erzeugung 
ist hauptsächlich durch drei Charakterzüge gekennzeich- 
net: 1. Er ist eine unvergleichliche Methode für die Dezen- 
tralisierung der Entscheidung, d. h. in der Sorge dafür, daß 
die Macht und Verantwortung so nahe wie möglich beim 
Ort der Handlung liegen und nicht das Ende einer lanzen 
Kette von Zwischengliedern sind, 2. Er stellt eine un- 
vergleichliche Methode zur Sicherung des richtigen Ergeb- 
nisses durch Experiment oder Schaden dar. 3. Er ist eine 
unvergleichliche Methode der Kontrolle, d. h. den ver- 
gleichsweisen Wirkungsgrad nicht nur von technischen Ver- 
fahren, sondern auch von menschlichen Persönlichkeiten 
festzustellen.‘ 
„Die menschliche Natur braucht vielleicht den An- 
sporn der Strafe, um die Anstrengungen so inten- 
siv wie. möglich zu halten, ebensosehr — viel- 
leicht noch mehr — die Aussicht auf besondere 
Belohnung.‘
	        
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