Full text: Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

richtung des Reichstages in ihrer Taktik gar keine Rolle 
spielte. Staatsnegation blieb in ihrer Theorie nicht 
weniger beherrschend als in der Praxis. 
Der Staat war und blieb das Vollzugsorgan der 
kapitalistischen Wirtschaitsordunung, 
und so verweigerte man ihm grundsätzlich das. Budget, 
bekämpfte man seine Wehr- und Sozialpolitik, erklärte man 
seine Außenpolitik für imperialistisch und überflüssig und 
hegie und pflegte man die alte „Katastrophentheorie‘‘. „Bis 
die gewaltige Umwälzung der gesamten Ge- 
sellschaftsordnung stattfindet, muß alles so bleiben, 
wie es ist — so war die gegebene Einstellung“ (Naphtali). 
Unter diesen Umständen schied natürlich eine schöpferische 
Handhabung des demokratischen Gedankens aus der poli- 
tischen Theorie und Praxis des Sozialismus aus. 
Erst der‘ Krieg zwang, wie erwähnt, den Sozialismus 
zur Ueberprüfung seiner bisherigen Haltung. Er spaltete 
sich bekanntlich in drei Gruppen. Der rechte Flügel 
vollzog unter Führung der schoh seit längerer Zeit refor- 
mistisch eingestellten Gewerkschaften eine vollkommene 
Neuorientierung zum Staatsgedanken wie auch zum Bis- 
marckschen Reichsstaat. Als symptomatisch für diesen 
Umschwung, der in einer unübersehbaren Literatur zu ver- 
folgen ist, sei Renner mit seinem Buche „Marxismus. 
Krieg und Internationale“ angeführt, der den 
Staat nunmehr auffaßt als einen 
Schutz der Arbeiterschalt zegen die Oekonomie, 
die immer ausschließlicher der Kapitalistenklasse gehöre, 
wohingegen der Staat immer vorwiegender dem Proletariat 
diene. So muß denn auch das Proletariat Staatsbe- 
wußtsein haben. „Sein Gefühl zum Staat ist das des 
Meisters, der sein Werkzeug in fremden Händen sieht, in 
Händen derer, die es gering achten und mißbrauchen.“ 
50 kehrt mit einem Male der Staat aus der Verbannung, 
in die ihn der orthodoxe Marxismus geschickt hatte, zurück 
und wurde die höchste Instanz für die Wünsche der Ar- 
beiterklasse. „Der Arbeiter fordert: Der Staat soll den 
Achtstundentag festsetzen; der Staat soll den Schaffenden 
in der Werkstatt schützen; der Staat soll ihn gegen Krank- 
heit und Unfall versichern; der Staat soll die Mütter 
schützen, die Säuglinge in Obhut nehmen, die Kinder gesund 
erhalten, die Jugend lehren; der Staat soll die Fortbildung 
pflegen, die Wissenschaft und die Künste den Massen zu- 
zänglich machen; der Staat soll den Ackerbau pflegen, 
damit es den Massen an Nahrung nicht gebreche; der Staat 
soll die Anarchie der Produktion bannen, die Krisen über- 
winden usW. . 
Der Staat soll! 
Es ist der eine und einzige immer wiederkehrende Impe- 
“ativ der proletarischen Politik, ihre Praxis! 
Wer denn sonst als der Staat?“ 
A |
	        
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