Full text : Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

ınd Vielweiberei geführt hatte. Mehr Erfolg hatten
die Wiedertäufer in Mähren, wo ‘sie in ihren Geneinden,
 etwa seit 1540, ein tiefgreifendes,
auch die Produktion erfassendes gemeinwirtschaftliches
 System ;
aufrichteten. Ein großer Teil der Mitglieder ihrer 70 Geneinden
 (je 400 bis 1000 Insassen) arbeitete unmittelbar
für die Gemeinschaft; was diese nicht brauchte. wurde an
Fremde verkauft. Alle Betriebe waren insofern sozialistisch
 organisiert, als sie gemäß den Anweisungen
zentraler Instanzen einander in die Hände arbeiten
mußten. Die benötigten Rohstoffe wurden, wenn yorhanden,
 aus den Gemeinden bezogen; wo Ankaut nötig war,
wurde er en gros für alle einheitlich besorgt Alles, was
an Geld einging, wurde an die Gemeinde, die „HMaushabe‘
 abgeliefert, die dafür alle Brüder mit dem zum
Leben Notwendigen versah. Der „Wirt“ der Haushabe
xaufte aus der gemeinsamen Kasse alle Bedarisgegenstände,
 die man nicht selbst herstellen konnte, und teilte
dann „nach Notdurftanalleim Hause“ aus. Dies
sozialistisch-gemeinwirtschaftliche Gemeinwesen hielt sich
drei Menschenalter: es ging zugrunde durch die Folgen der
Schlacht am Weißen Berge.
Alle bisher geschilderten Versuche sind „zemelnwirtschaftlich“
 hinsichtlich des Konsums; bei den
Wiedertäufern zeigen sich die ersten Bestrebungen, den
Kommunismus auch auf die Produktion auszudehnen, Alle
Versuche sind letzten Endes mißglückt.
Von größerem Interesse für die Jetztzeit, namentlich
im Hinblick auf die eingangs erwähnten Bestrebungen,
sind die späteren, auf Basis gemeinwirtschaftlicher Produktion
 angestellten Experimente, nämlich der Jesuitenstaat
 Paraguay im 17. Jahrhundert und die zahlreichen
 bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts in nordamerikanischen
 Gemeinden versuchten Gründungen
 gemeinwirtschaftlicher Art, die neben religiösen
Ursachen den ideen Owens. Fouriers und Cabets
ihre Existenz verdankten.

Die Begründung des Jesuitenstaates in Paraguay,
besser gesagt, der jesuitischen Niederlassungen, fällt in das
Jahr 1610. Ende des 16. Jahrhunderts waren die Jesuiten
bereits in das Land gekommen, das’ die Spanier erobert
und zu einer Kolonie gemacht hatten. Nach langen Kämpfen
mit der spanischen Krone hatten sie es erreicht eine Art
selbständiger Herrschaft über die Indianer
zu errichten, die als rein agrarische Urbevölkerung in
Sippen über das ganze Land verteilt lebte. Bis zum Jahre
1768, dem ihrer Vertreibung, übten die Jesuiten ihre Herr-On
 aus, die sich am Ende auf über 150000 Menschen
elie£,
Der Grundgedanke ist der einer Theokratie: Das
Land ist das „Eigentum Gottes“. Pfarrer und Vikar
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