861] Die Arbeiterbureaukratie und ⸗Aristokratie an der Spitze der Vereine. 403
Mißstimmung über die Streiks und die Gewerkvereine sich herausbildete, so geht dies
auf die zunehmende Zahl der bei Streiks Beteiligten, auf die damit tiefer und breiter
ausgreifenden Folgen der Arbeitskämpfe zurück, wird andererseits aber auch das Ver⸗
ständigungsbedürfnis der Unternehmer vermehren.
Auf dem Kontinent hat man nur in wenigen Vereinen gute Anfünge zu solcher
Verfaffung, z. B. im deulschen Buchdruckerverband und in wenigen anderen deutschen
Sewerkvereinen und Gewerkschaften. Wo gefüllte Kassen, geschulte Generalsekretäre,
langjährige Repräsentanten ähnlich wie in England nach und nach sich einstellen, da
erscheinen auch auf dem Kontinent die Flegeljahre überwunden. Im ganzen aber ge⸗
hört diese Verfassungsentwickelung hier mehr noch der Zukunft an, und deshalb ist die
Stimmung der ünternehmer über die Vereine noch eine meist so viel ungünstigere.
Neben den erwähnten spielen noch manche andere Fortschritte in der Verfassungswelt
der Gewerkvereine eine Rolle: so z. B. das Zurücktreten des politischen Parteieinflusses,
—D——— Zweige verschiedener
Vereine desselben Orttes (Trades Councils, Gewerkschaftskartellen, Arbeiterbbrfen in Frank⸗
reich) und der fachlichen Centralleitung der Vereine, die Herstellung der Verbindung der
Vereine, die derselben Industrie angehören, die Ordnung zwischen den großen Gewerk—
dereinen und ihrer nationalen Gesamtvertretung und -leitung u. s. w. wir können
hierauf hier nicht eingehen. Von allen diesen Verfassungsfortschritten gilt das gleiche:
fie erziehen und schaffen eine führende und auffsteigende Ärbeiteraristokratie, welche nach
und nach die ihnen folgenden Berufsgruppen selber emporhebt. Die Menge mag bei
dem Glauben bleiben, daß sie herrsche; sie wird von den wenigen, zur Herrschaft ge⸗
borenen Fuhrern beherrscht, und diese Führung wird ertragen, weil die Masse die
Führer als ihresgleichen anfieht, weil die Führer gewählt und stets kontrolliert, das
Bertrauen rechtfertigen müssen, das man in fie setzt. Die bessere Arbeiterwelt, welche
in ihrem Selbstbewußtsein die ausschließliche ältere Herrschaft der Unternehmer und
hbheren Klassen nicht mehr erträgt, folgt diesen Führern, wenn sie nur geschickt ope—
rieren, im ganzen willig, und der gesellschaftliche Friede beruht auf der Verständigung
dieser Führer mit der ünternehmerwelt. Es ist ein Stück Arbeitsteilung, das sich so
ausgebildet und eingelebt hat.
d) Den Verjassungsfortschritten der Gewerkvereine geht eine immer richtiger fich
ausbildende Politik derselben zur Seite. Es handelt sich dabei um solgende Haupt—
punkte: 1. die Ausbildung des Kassen- und Versicherungswesens, 2. die Einwirkung
auf den Lohn und die Arbeitsbedingungen und die hierbei besolgten Ziele und Mittel,
3. die Anbahnung von gemeinschaftlichen Verhandlungen mit den Unternehmern und
ihren Verbänden und die Schaffung der hierzu dienenden Organe und Formen. Auf
letzteres kommen wir im nächsten Paragraphen.
Wir brauchen uns beim ersten Punkte nicht lange aufzuhalten. Die älteren
englischen Gewerkvereine sind vor allem durch ihren Sparzwang,durch ihre gefüllten
Kassen, durch die erziehende und mäßigende Wirkung dieses Besitzes, durch die An—
ziehungskraft der Unterstützungen auf die Arbeiter groß geworden. Immer aber hat
die dort im ganzen herrschende Kasseneinheit, d. h. die Möglichkeit, große Summen,
welche für Krankheit und Alter gesammelt find, für Streiks auszugeben, auch ihre
großen Schattenseiten. Die jüngeren englischen Vereine überlafsen die Kranken⸗, Alters⸗,
ünfall- und Sterbeunterftützung vielfach den besonderen Hülfskassen, den „freundlichen
Gesellschaften“. In den kontinentalen Staaten ist bisher die Ausbildung des Hülfs—
kassenwesens der Vereine sehr rückständig geblieben, teilweise hat, wie in Deutschland
und Hsterreich, der korporative Hülfskassenzwang besondere Organe für die wichtigsten
Hülfskafsenzwecke geschaffen. Auch für England behaupten Sachkenner, wie die Webbs,
als eigentliche Hülfstafse fungiere der Gewerlkverein nicht gesund. Sicher aber ist, daß
er ohne erhebliche Beiträge und ohne erhebliche Vermögensanfammlung stets schwach
bleibt, —
Politik durchführen kann, und daß er möglichst die Arbeitslosenunterstützung, die zeit—