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Zu diesen äußeren Verpflichtungen traten die innerpolitischen Lasten, die aus der Umstellung der Wirt-
schaft auf Friedensverhältnisse erwuchsen. Das wesentlichste Problem war sozialpolitischer Natur und
ergab sich zum Teil aus der angedeuteten Wirtschaftspolitik in der Kriegszeit. Es galt, der Gefahr einer
Massenarbeitslosigkeit in dem Zeitpunkte zu begegnen, in dem die neugeschaffene Industrie sich von der
Produktion von Kriegsmaterial auf Friedensproduktion umzustellen hatte und in den Wettbewerb eines
wieder normal funktionierenden Weltmarktes eintrat. Um die Arbeitslosigkeit in dem dichtbevölkerten
Lande nach der Auflösung des Kriegsheeres abzumildern, erhöhte die Regierung in allen staatlichen Be-
trieben, namentlich bei den Staatsbahnen, den Personalbestand beträchtlich. Diese Unterordnung der
staatlichen Interessen unter die der notleidenden Wirtschaft führte zu einer starken Belastung des Etats,
der außerdem noch durch den Aufbau einer obligatorischen Arbeitslosenversicherung beansprucht wurde,
Zu diesen Lasten, die aus der Erweiterung der Sozialpolitik entspringen, treten in der Nachkriegszeit
die Ausgaben auf Grund des Krieges, Soweit es sich um Wiederaufbauarbeiten handelt, sind die Ausgaben
vorübergehender Natur und stellen im Gegensatz zu den Aufwendungen für die Kriegsschuld keine
langdauernde Inanspruchnahme von Staatsmitteln dar. Eine Zwischenstellung nehmen die Ausgaben für
Kriegspensionen ein, die zum mindeten für die Zeit der heute lebenden Generation eine Belastung be-
deuten.
Die folgenden Zahlen geben im Anschluß an die Übersicht S. 97 die wichtigsten Staatsausgaben für die
ersten Nachkriegsjahre wieder; man ersieht daraus, daß es gelang, die eigentlichen Rüstungsausgaben
nach Kriegsende sehr schnell zurückzuschrauben, während die »sonstigen Ausgaben« gegenüber den Kriegs-
jahren außerordentlich stark anstiegen. In ihnen sind allerdings die mit dem Wiederaufbau zusammen-
hängenden Kosten enthalten.
Tahr Rüstungs- Schulden- Sonstige
ausgaben dienst Ausgaben
in Millionen Lire (Originalziffern)
1910/1020044. 08 9713 3.974 9 406
1920/1921000 13 308 4 105 18 815
1921/1922. 0000er 10 336 4 839 20 286
Um eine Gesundung der Staatsfinanzen zü erreichen, war es erforderlich, zunächst ein weiteres Ansteigen
der Ausgaben zu. verhindern. Das gelang zum erstenmal im Haushaltjahre 1921/22. Einen völligen Um-
schwung brachte das folgende Jahr. Die fasecistische Regierung griff 1923 zu einer intensiven Sparpolitik,
die sich vor allem in einer Vereinfachung des Behördenapparates äußerte. Insbesondere wurde die An-
zahl der Ministerien verringert. Das Schatzamt ging im Finanzministerium auf, dem auch ein großer Teil
der Arbeiten des ebenfalls aufgelösten Ministeriums für die befreiten Gebiete übertragen wurde. Diese
Sparpolitik wurde erleichtert durch die fortschreitende Abwicklung der Wiederaufbauarbeiten in den vom
Kriege betroffenen Gebieten. In allen Zweigen der Verwaltung fand eine erhebliche Personalverminderung
statt, der vor allem eine große Zahl in der Nachkriegszeit eingestellter Personen zum Opfer fiel. Dies galt
besonders für die Staatsbahnen, deren Personalbestand etwa auf Vorkriegshöhe herabgesetzt wurde.
Einnahmen und Ausgaben in den Jahren 1919/20 bis 1924/25.
Finanmjahr Tatsächliche Tatsächliche Überschuß (+
Einnahmen Ausgaben . bzw. Defizit (—)
(Enirate Effettive) (Spese Effettive)
in Millionen Lire (Originalziffern)
1919/1920... 1... 15 207 23 093 — 7886
1920/1921 00 18 820 36 229 — 17 409
1921/1922... ..... 19 695 35 461 — 15 766
1922/10928 .;...,. 18 873 21 832 — 2959
1923/10240 0.04 45 20 581 21 000 419
1924/1925... ... 20 457 20 247 1“ 90
in Millionen Lire Vorkriegskaufkraft
1919/1920....... 5171 7 852 —— "9.681
1920/1921; . 2. : 4 140 7970 — 388%
1921/1922... > 4 727 8511 — 3784
1922/1028... +. 4 529 5 240 — zu
1923/1924. ... 0. 4 734 4 830 -— 9%
1924/1925... .... 4 879 4 829 50