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Kultur in der Seele des Menschen, worin die Zweck
mäßigkeit der reinen Formen der Objekte ohne Bezug
auf konkrete Interessen des Subjekts (es handelt sich
um Zweckmäßigkeit ohne Zweck, wie es Kant genial
definiert) auf Grund von reinen Anschauungen (Kon
templationen) empfunden wird.
Eine das Leben hemmende Lage äußert sich außer
in Form eines unbestimmten Unlustgefühls auch im
konkreten Bild des Bedürfnisses, welches schon eine
gewisse Erkenntnis des Unlust erregenden Objekts und
der mutmaßlichen Weise seiner Beseitigung anregt und
voraussetzt. Ein Bedürfnis erregt im Menschen not
wendigerweise die Begierde zum Mittel der Abhilfe,
und dieses Begehren ist die Grundtatsache jeder Willens
und Tätigkeitsentfaltung und jeder Erkenntnis über
haupt. Darum treibt uns oft genug im Leben das
Bedürfnis zur Erkenntnis des Nützlichen und Schäd
lichen, des Guten und Bösen. Darin liegt eben die
große Bedeutung des Bedürfens und des Leidens, daß
erst durch diese unser Willens- und Erkenntnisvermögen
angeregt, höhere Daseinsformen hervorgebracht werden.
Denn die höhere Daseinsform verwirklichen ist nichts
anderes, als das Gleichgewicht zwischen den inneren
Kräften des seelischen Lebens, welche sich als Wünsche
und Bedürfnisse äußern, und der Konstellation der um
gebenden Natur wiederherstellen.
Nur auf Grund dieser Gedanken werden die Worte
Spinozas verständlich: „Die Erkenntnis des Guten und
Schlechten ist nichts anderes als der Affekt der Lust
oder Unlust, sofern wir uns derselben bewußt sind.“
(Ethik, IV. Teil.) Aus diesen Worten erhellt, daß das
Gute das im eminenten, im tiefsten Sinne des Wortes
Lustaffekt Erzeugende ist, das mit den Lebensinteressen
des Individuums und des Menschengeschlechts direkt
oder indirekt verknüpft ist, das oft nicht erkannt und