Full text: Wissenschaftliches Arbeiten

Das Verständnis der Quellen 
c) Außer der Sprachperiode ist auch schon für die all- 
gemeine Wortbedeutung die besondere Literatur- 
gattung zu beachten, zu der die Quellen gehören. Rechts- 
urkunden zeichnen sich schon in den ältesten Zeit durch 
einen besonderen feststehenden Sprachgebrauch „mit allem 
Formelkram der Schreibstube“ aus und ebenso formelhaft 
wird vielfach in alten und neuen Kanzleien gearbeitet, auch 
wenn es sich nicht um rechtliche Dokumente handelt. Ge- 
wisse hellenistische Texte sind wegen ihres engen An- 
schlusses an hebräische oder aramäische Vorbilder so sehr 
von Semitismen durchsetzt, daß man den besonderen 
Sprachcharakter dieser Gruppe für den Wortsinn notwendig 
in Anschlag bringen muß, ohne deshalb das „Judengrie. 
chisch“ als eigene Sprachform neben dem Hellenistischen 
anerkennen zu müssen. 
d) In anderer Weise ist der literarische Charakter 
eines Textes für die Bestimmung der Wortbedeutung wich- 
tig zur Beantwortung der Frage, ob ein Ausdruck im 
eigentlichen oder im übertragenen Sinne ge- 
braucht wird. Es liegt auf der Hand, wie sehr das richtige 
Verständnis einer Quellenschrift davon beeinflußt wird, ob 
eine Erzählung in geschichtlichem Gewande als eigentliche 
Geschichte oder als Fabel oder Parabel aufzufassen ist. Im 
allgemeinen wird man dabei als Regel festhalten müssen, 
daß der eigentliche Sinn stets anzunehmen bleibt, solange 
nicht das Gegenteil durch klare Gründe bewiesen, oder 
wenigstens durch einen Analogieschluß oder auf andere 
Weise wahrscheinlich gemacht ist. Denn man muß voraus- 
setzen, daß ein Autor die Worte in ihrem gewöhnlichen 
und eigentlichen Sinne verwendet, wenn nicht etwas anders 
ausdrücklich von ihm bemerkt wird oder doch klar aus 
seinen Worten und aus der Berücksichtigung aller Umstände 
zu erschließen ist. 
e) Dabei ist auch schon in dieser Beziehung die Regel 
zu berücksichtigen, von der im nächsten Abschnitt bei der 
Erörterung des inhaltlichen Verständnisses die Rede sein 
wird: der Forscher muß sich ganz auf den Standpunkt 
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