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Die Weltwirtschaft.
Der Kreis der wirtschaftlichen Erscheinungen ist gegenüber der geschlossenen
Hauswirtschaft reicher und mannigfaltiger geworden. Wenn auch die einzelnen Sonder
wirtschaften noch immer den größten Teil ihres Bedarfes selber decken, so besteht doch
ein regelmäßiger auf Arbeitsteilung gegründeter Tauschverkehr. — Trotzdem gibt es aber
keinen Güterumlauf, keine Handelsware im heutigen Sinne. Eine Ausnahme bilden
nur die wenigen Artikel des Großhandels und der „Pfennwerte". Der Betrieb des Hand
werkers ist keine Unternehmung, die Handelswaren erzeugt, sondern ein Übernehmen
von Arbeit für den Konsumenten, das Entgelt, das er dafür empfängt im wesentlichen
Arbeitslohn. Dementsprechend findet sich auch ein Unternehmungskapital höchstens beim
Handel. Zinsen und Leihkapital treten uns zwar schon entgegen, doch ist ihre Bedeutung
gering, und der Kredit verbirgt sich fast immer unter einem Kaufgeschäft, der Zins unter
der Grundrente, welche neben dem Arbeitslöhne die einzig deutlich erkennbare Ein
kommensart bildet. So spielt sich die Belehnung von Grundstücken durch die Satzung
in der Form ab, daß das verpfändete Grundstück bis zur Bezahlung der Schuld in den
Besitz des Gläubigers übergeht, und die Hauptform des mittelalterlichen Kredits, der
Gült- oder Rentenkauf, ist gleichfalls kein Darlehensvertrag im heutigen Sinne, sondern
es wird das Recht zum Bezüge einer Leibrente wie eine Ware gekauft, so daß der ganze
Vorgang mehr einer Versicherung, zn der er ja auch den ersten Ansatz bildet, als
einem Kreditgeschäfte gleicht.
Die Volkswirtschaft.
Zu ungehemmtester Entwickelung gelangte das Städtewesen in Italien. Hier
wandelte sich die wirtschaftliche Herrschaft der Städte über das umliegende Land zur
politischen. Stadtstaaten entstanden, ähnlich wie im alten Griechenland, der Bauer wurde
enteignet durch das städtische Kapital und zum elenden Halbpächter heruntergedrückt, der
er großenteils heute noch ist.
In Deutschland stieß die Entwickelung der Städte auf den Widerstand der großen
Grundherren, die bei der Schwäche der Reichsgewalt zu Landesfürsten geworden waren
und in dem kleinen, durch Gemeinsamkeit agrarischer Interessen mit ihnen verbundenen
Landadel eine Stütze ihrer Bestrebungen fanden. Es kam zu scharfen Kämpfen der
Adels- und Fürstenmacht gegen die Städte, in dem diese ihre politische Selbständigkeit
zwar zum Teil behaupteten, aber den Bauernstand nicht der Herrschaft der Feudalgewalt
zu entreißen vermochten. Der Bauer verfiel der Leibeigenschaft, wurde aber gleichzeitig
durch das emporkommende Landesfürstentum vor der Proletarisierung bewahrt, die ihn
in Italien ereilte.
In Westeuropa, iu Frankreich und England, wie auf der pyrenäischen Halbinsel
setzte sich dagegen die königliche Gewalt siegreich gegen die Selbständigkeitsgelüste der
großen Grundherren und der Städte durch, die einen gegen die anderen benützend. Es
entstanden national geeinigte Staaten mit starker Zentralgewalt. An die Stelle der
großen Lehensträger und Feudalherren, denen früher die Ausübung der königlichen Hoheits
rechte übertragen war, tritt die Verwaltung durch besoldete, besonders geschulte Be
amte, an die des Aufgebots der Lehensleute das stehende Heer, mit einem Wort, der
Feudalstaat wird durch den modernen Staat ersetzt. Damit war die Voraussetzung
für eine neue Stufe der wirtschaftlichen Entwickelung gegeben. Zum erstenmal in der
Geschichte tritt der Begriff der Volkswirtschaft auf. Ähnlich wie bei der Stadtwirt
schaft zwischen Stadt und Land und ihren verschiedenen Berufsständen, findet jetzt eine
Arbeitsteilung zwischen den verschiedenen Teilen des Staates und den einzelnen Gruppen
seiner Bevölkerung statt, und wie die Wirtschaftspolitik der mittelalterlichen Städte
seiner Zeit daraus ausging, die möglichst vollständige und vielseitige Bedürfnisbefriedigung
innerhalb des Stadtgebietes zu erzielen, strebte jetzt die der Staaten dahin, das Staats
gebiet zu einem nach außen hin abgeschlossenen, sich selbst genügenden Wirtschaftsgebiete
zu machen und gleichzeitig alle produktiven Kräfte zu entwickeln und in den Dienst der
Gesamtheit zu stellen.