6. Kap. Die Geschichte der ökonomischen Wissenschaft.
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Wir wollen die Eigenthümlichkeiten der einzelnen Schulen mit einigen
Worten kurz charakterisiren.
Was zunächst den modernen wirtschaftlichen Liberalismus
anlangt, so hat er von den frühern, die unbeschränkteste Freiheit anpreisenden
Doctrinen einen guten Theil fallen lassen und widersetzt sich einer bis zu einem
gewissen Grade gehenden staatlichen Thätigkeit zum Wohle der wirtschaftlich
Schwachen durchaus nicht mehr. Dagegen läßt er den ethischen Principien noch
immer nicht die nöthige Würdigung angedeihen. Seine Anhänger finden sich
gegenwärtig hauptsächlich in England (und hier besonders an der Universität
Cambridge) und in Frankreich. Sie huldigen im Gegensatze zu den Socia
listen einer optimistischen Auffassung der Tinge und lieben es, die Verhältnisse
der Jetztzeit in rosigem Lichte darzustellen.
Uebrigens fehlt es auch in den Ländern deutscher Zunge nicht an Ver
tretern dieser Richtung. Erst vor ganz kurzer Zeit ist Julius Wolf* mit
einem System der Socialpolitik hervorgetreten, welches sich allerdings von
einem Theile der von dem frühern orthodoxen wirtschaftlichen Liberalismus be
kannten Doctrinen lossagt, aber die ethische Seite der einschlägigen Probleme
verkennt und noch immer nicht einsieht, daß die wirtschaftlichen Fragen ein
Problem der Gerechtigkeit in sich schließen.
Die socialistische S ch u l e hat in älterer Zeit namentlich in
P. I. Proudhon2 und F. Lassalle ihre wissenschaftliche Vertretung
gefunden, soweit bei einem derartig mit der Natur der Menschen, mit der
geschichtlichen Entwicklung und — man kann es und soll es angesichts des
heutzutage so häufigen Kokettirens mit dem Socialismus, wie es auch noch
auf dem Boden der Grundprincipien des Naturrechts stehende Gelehrte, Poli
tiker und sogen. Sociologen üben, geradeswegs heraussagen — mit den ein
fachsten Regeln des gesunden Menschenverstandes in Widerspruch stehenden
System von Wissenschaft die Rede sein kann. Lassalle trug in seinen Schriften,
welche von so großem Einfluß auf die Entwicklung des deutschen Socia
lismus waren, die abstrusesten Sachen vor. In seinem ,System der er
worbenen Rechte' (Berlin 1861) versuchte er, natürlich ganz erfolglos, den
Rachweis, daß der Gang der culturhistorischen Entwicklung und die ihn
begleitende Gestaltung des Rechtes die Eigenthumssphäre des Individuums
immer enger mache, da eine sich stätig vergrößernde Anzahl von Gegenständen
dein Privateigenthum entzogen werde. In dem im Jahre 1863 von ihm er
lassenen Antwortschreiben an das Centralcomite zur Berufung eines allgemeinen
' Socialismus und kapitalistische Gesellschaftsordnung. Stuttgart 1892.
* Unter seinen Arbeiten mögen erwähnt werden: Qu’est-ce que la propriété?
l’aris 1840, und Le système des contradictions économiques. 5 vols. Paris 1846.
von ihm gebrauchte Schlagwort ,La propriété c’est le vol' ist allbekannt.