Object: Zwei Bücher zur socialen Geschichte Englands

D. Ricardo. 
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gewisser Hinsicht zeigt sich Ricardo noch viel elastischer als 
Adam Smith. Nicht nur, dass er, wie ich schon zeigte, augen- 
fallig nach Bedürfniss zu wechselnden Schlüssen gelangt: er 
hat besonders auch ein ganz merkwürdiges Geschick, seine 
allgemeinen knappen Sätze: nachträglich so zu modificiren, 
Jass. fast nichts mehr von ihnen übrig bleibt, "That er dies 
mit dem Werthgesetz, so macht er.es mit dem Lohngesetz 
gerade so. „Der Marktpreis der Arbeit kann in einer vor- 
wärtsschreitenden Gesellschaft für unbegrenzte Zeit über dem 
natürlichen Preis stehen.“ Das Unterhaltsminimum ist keine 
fixe Grösse, sondern wechselt nach Ort und Zeit, „und hängt 
wesentlich von den Gewohnheiten des Volkes ab.“ 
Damit ist das ganze eherne Lohngesetz inhaltslos gewor- 
den. Wenn es Besitzende und Nichtbesitzende giebt, so 
müssen Jetztere — abgesehen von unterstützten Armen — 
von allen Ständen nothwendig das kleinste Einkommen haben; 
dieses kleinste Einkommen muss identisch mit dem gewohn- 
heitsgemässen Unterhaltsminimum selbständiger Leute sein, und 
lie Frage, auf welches Alles ankommt, nämlich, wie gross 
eben dies Minimum sein könne oder müsse, bleibt unbeant- 
wortet, Oder wenn die Antwort, dass die Sitte den Lohn 
bestimme, ernst gemeint ist, so ist damit die ganze Lehre 
von dem natürlichen Preis über den Haufen geworfen. 
Allein Ricardo verbindet mit seinem Lohngesetz doch 
einen ganz deutlichen Sinn. Zunächst ist er gleich Malthus 
ein erbitterter Gegner des Princips der Armengesetze, denn 
er ist gegen alle gesetzliche Lohnregulirung und will, dass 
die Concurrenz des Marktes allein wie alle Contracte, so 
auch den Lohn bestimme, — d. h. ein natürliches Gesetz 
muss aufgestellt werden, damit man Staatsintervention als ver- 
werflich erklären kann. Vor Allem aber dient das Lohngesetz 
demselben Zweck, wie das Grundrentengesetz. Es soll zeigen, 
dass der Grundherr der natürliche Feind des Arbeiters ist. 
Ricardo setzt auseinander, es sei gut, wenn der gewohn- 
heitsgemässe Lebensbedarf des Arbeiters gross ist; das schütze 
gegen überschüssige Bevölkerung, und der Arbeiter könne
	        
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