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Bevölkerung und Unterhaltsinittel.
Buch II.
einigten, um ihr einen hervorragenden Einfluß bei der Erörterung
sozialer Fragen zu verschaffen.
Unterwerfen wir aber die Theorie selbst einer gerade auf ihr Ziel
losgehenden Analyse, so wird sie, glaube ich, sich ebenso vollkonrnren
unhaltbar erweisen wie die herrschende Lohntheorie.
Erstens wird die Theorie durch die zu ihrer Unterstützung ange
führten Tatsachen nicht bewiesen, und die Analogien sprechen ebenso
wenig für sie.
Zweitens find Tatsachen vorhanden, die sie beweiskräftig
widerlegen.
Ich gehe direkt auf den Kern der Sache los, indem ich sage, daß
weder die Erfahrung, noch die Analogie die Behauptung rechtfertigt,
die Bevölkerung habe die Tendenz, schneller als ihre Unterhaltsmittel
zuzunehmen. Die als Beweis angeführten Tatsachen zeigen nur, daß,
wo infolge der schwachen Bevölkerung neuer Länder, oder wo infolge
der ungleichen Verteilung des Reichtums, wie unter den ärmeren
Klassen alter Länder, das menschliche Leben in den physischen Trieben
des Daseins ausgeht, die Tendenz der Fortpflanzung eine Ausdehnung
erreicht, die, wenn sie ungezügelt fortschreiten sollte, zeitweilig die Unter
haltsmittel übersteigen würde. Aber hieraus kann nicht mit Recht ge
folgert werden, daß die Tendenz der Fortpflanzung sich in gleicher Stärke
zeigen würde, wo die Bevölkerung dicht genug und der Reichtum gleich
genug verteilt ist, um ein ganzes Land über die Notwendigkeit zu erheben,
seine Kräfte einem Kampfe um die bloße Existenz zu widmen. Auch
darf man nicht annehmen, daß die Tendenz zur Fortpflanzung eben
durch die Herbeiführung der Armut die Existenz eines solchen Landes
verhindern müsse, denn dies hieße offenbar eben den Ausgangspunkt
als erwiesen annehmen und einen Zirkelbeweis führen. Und selbst wenn
man zugeben müßte, daß die Tendenz zur Vermehrung schließlich Armut
im Gefolge habe, so kann daraus allein nicht geschlossen werden, daß
die bestehende Armut dieser Ursache zuzuschreiben sei, wofern nicht
bewiesen wird, daß keine anderen Ursachen vorhanden sind, die sie er
klären können, was bei dem gegenwärtigen Stande der politischen
Verfassungen, Gesetze und Rechte offenbar unmöglich zu beweisen ist.
Dies ist im „versuche über die Bevölkerung" selbst weitläufig
dargelegt. Dieses berühmte Buch, das viel öfter im Munde geführt
als gelesen wird, lohnt immer noch die Lektüre, wäre es auch nur als
literarische Kuriosität. Der Kontrast zwischen dem Verdienst des Buches
selbst und der Wirkung, welche es hervorgebracht hat oder die ihm
wenigstens zugeschrieben wird (denn obgleich Sir James Stewart,
Townsend und andere mit Malthus den Ruhm teilen, „das Prinzip
der Bevölkerung" entdeckt zu haben, so war es doch die Veröffentlichung
des „Versuchs über die Bevölkerung", welche dasselbe besonders aufs
Tapet brachte), ist nach meiner Ansicht eine der merkwürdigsten Er
scheinungen in der Literaturgeschichte, und es ist leicht zu verstehen.