Zweites Kapitel.
Fekte große Rämpfe zwischen Papsttum und
Raisertum; goldene Bulle.
Bis ins 18. Jahrhundert hinein war die abendländische
Kirche noch nicht zu einem fertigen Ausbau ihrer Lehren ge⸗
langt. Zwar besaß sie einen geordneten Schatz trinitarischer
und christologischer Dogmen, aber dieser war der Hauptsache
nach schon mit dem Symbolum gegeben und überliefert. Im
übrigen gab es wohl eine Anzahl theologischer Gedanken der
Väter, namentlich Augustins, sowie eine Anzahl kirchlicher Be—
stimmungen, darunter namentlich auch schon päpstliche Dekretalen,
welche ein dogmenartiges Ansehen genossen, diese waren aber
weder sicher formuliert noch zu einem Systeme vereinigt.
Sehr begreiflich: die Denkkraft der jugendlichen Völker
der abendländischen Kirche war noch nicht bis zu dem Grade
verselbständigt und zu eigenem Thun gefestigt, um die ungeord⸗
neten Massen christlich-antiken Denkens, wie eigener, seit Jahr⸗
hunderten aufgehäufter religiöser Ahnungen aus sich heraus
kodifizieren zu können. In dem Augenblick aber, da sich die
Möglichkeit hierzu aus der Eigenentwicklung der fortgeschrittensten
Völker, der Italiener und Franzosen, eben anfing zu ergeben,
wurden diese mit dem am weitesten entwickelten Denksystem der
alten Welt, mit der aristotelischen Erkenntnistheorie, bekannt.
Und alsbald ließen sie dasselbe, als enthusiastische und lebens—
Lamprecht, Deutsche Geschichte. IV.