Der Kampftrieb.
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welt vorkommen. — Dieselbe Behandlung wie die Alten und Kranken
erfahren bei primitiven Stämmen vielfach die Menschen, die von Un-
fällen oder Verwundungen heimgesucht sind. Der Kampfinstinkt regt
sich allen diesen Erscheinungen gegenüber vielfach auch in der Form
des plöglichen Umschlagens: zunächst werden die Leidenden mehr oder
weniger freundlich und hilfreich behandelt; steigt aber das Leiden über
ein gewisses Maß, so schlägt die Haltung der Hilfsbereitschaft plöglich
in Gleichgültigkeit oder Vernichtungswillen um!). Auch bei uns können
wir übrigens eine gewisse Unfreundlichkeit oder geradezu Feindseligkeit
gegen diese Teilgruppen unter der Decke des anerzogenen Verhaltens ge-
legentlich noch verspüren. — Auch Kinder erfahren unmittelbar nach
der Geburt oder auch später bei vielen primitiven Stämmen das Schick-
sal der Tötung, wenn sie gewisse Eigenschaften zeigen. Nicht nur ver-
krüppelte und schwächliche Kinder werden von ihm betroffen, sondern
auch Albinos, Zwillinge und Kinder mit unregelmäßigem Zahnbau oder
sonstigen Unregelmäßigkeiten. Neben der Schwäche ruft nämlich auch
die Abnormität die gleiche Reaktion der Kampfhaltung vor. Denn
sie erweckt wie alles Ungewohnte und Neue Mißtrauen, Furcht und Ent-
segen. Es sprechen im legteren Fall vielfach religiöse Motive mit, ohne
daß man Grund hat in der bekannten Art Levy-Brühls diese für die aus-
schließliche Ursache zu halten.
Die Schutvorrichtungen vieler Naturvölker gegen das Eindringen von Epidemien,
die Maßregeln der Absperrung und ebenso der Ausschluß der Aussägigen aus der
Gesellschaft sind jedenfalls nicht als rein hygienische Maßnahmen aufzufassen: hinter
einem darauf gerichteten Oberflächentrieb sind ebenfalls Regungen unseres Instink-
tes zu suchen. Die Vorstellung gefährlicher Dämonen, die man abwehren will, ist
natürlich nur ein religiöser Überbau. Dasselbe gilt von der in der alten semitischen
Volksreligion herrschenden Vorstellung, daß der Unglückliche unrein vor Gott ist,
wie z. B. von den liebevollen Ausführungen der Freunde des kranken Hiob, daß
sein Unglück eine göttliche Strafe für verhaorgenes Unrecht sei.
Handelt es sich hier um einen besonderen Instinkt, der sich
vom Kampfinstinkt unterscheidet als ein Trieb, der sich gegen den Wehr-
losen als solchen richtet? Es gehen von den schwachen und abnormen Ele-
menten vielfach Störungen aus, in dem Sinne, daß sie besondere Mühen
und Beschwerden verursachen. Daneben aber besteht wahrscheinlich ein
spezifischer Widerwille. Der Ekel nämlich, den Schwerkranke
und Krüppel erregen, das Grauen, das der Tote einflößt, legen die Ver-
mutung nahe, daß von schwachen und abnormen Bestandteilen der Ge-
sellschaft überhaupt eine spezifische Wirkung ausgeht, die je nach den
l) Levy-Brühl, La Mentalit€ Primitive, S. 169, 340, 348 flg. — S. auch
die Zusammenstellungen bei Westermarck, Ursprung und Entwicklung der
Moralbegriffe. Kap. 13.