Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

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Die Naturphilosophie. — Fracastoro. 
auf den Einzelgegenstand, den die Empfindung uns vermittelt, 
zu gewinnen und aufrecht zu erhalten. 
Wenn wir uns dem ersten Vertreter der italienischen Natur- 
philosophie, dem Arzt und Naturforscher Girolamo Fracastoro 
zuwenden, So finden wir bei ihm diesen allgemeinen Grundgedan- 
ken zwar bereits betont, dennoch aber mit Bestandteilen der schul- 
mässigen Ueberlieferung noch deutlich untermischt. Fracastoros 
Dialog über die Erkenntnis („de intellectione‘) ist in der Geschichte 
der Philosophie, wie es scheint, völlig vergessen; dennoch bildet 
er ein wichtiges verbindendes Glied und eine Grenzscheide zwi- 
schen der Scholastik und der modernen Denkart. Die veränderte 
Auffassung tritt hier freilich nur allmählich heraus und kleidet 
sich zunächst noch in die Begriffssprache des Mittelalters. Insbe- 
sondere ist es die Theorie der „Species“, die von Fracastoro zur 
Erklärung des Wahrnehmungsprocesses ohne nähere Prüfung hin- 
zenommen wird. (S. hrz. ob. S. 45 ff.) Dass Gegenstände, die unser 
Ich nicht unmittelbar in räumlicher Nähe berühren, uns bewusst 
werden können, — dass wir sie, nachdem ihr direkter Eindruck 
geschwunden, in der Erinnerung zurückzuerschaffen vermögen: 
diese Tatsache ist ihm nicht anders erklärbar, als durch die Ein- 
schaltung eines mittleren Seins, das von den Dingen in uns über- 
geht und als fester Bestand in uns zurückbleibt. Alle Erkenntnis 
ist daher nicht ein Ergreifen des Objekts in seiner eigenen Wesen- 
heit, sondern seine mittelbare Darstellung durch ein sinnliches 
Symbol. Dass die Seele in dieser Repräsentation eine eigene, 
selbständige Tätigkeit ausübt, wird ausdrücklich bestritten: müsste 
sie sich doch alsdann demselben Inhalt gegenüber zugleich er- 
schaffend und aufnehmend, aktiv und passiv verhalten.®) Aus 
dieser Problemstellung indes ergibt sich sogleich eine innere 
Schwierigkeit. Wie die äussere Realität nunmehr durch eine 
Summe fester Einzeldinge und ihrer Zustände bestimmt ist, so 
ist die Seele zu einem Sammelplatz von Vorstellungsbildern 
geworden, von denen jedes auf ein eigenes gegenständliches Ori-
	        
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