Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Gott und die „ewiven Wahrheiten“.

427

deutlich begreifen, zugleich „mögliche Existenz“ besitzt; sie fussen
also in all ihren weiteren Entwicklungen auf einer Einschränkung
 des Begriffs der Möglichkeit, die jetzt aufgegeben ist.
War es vorher die Sicherheit der Idee, die uns allein zu jeder Art
von Sein hinführen konnte, so sollen wir jetzt dieser Sicherheit,
selbst in den klarsten und evidentesten Folgerungen der Mathematik,
 nicht eher vertrauen dürfen, als bis wir über den „Urheber
 unserer Existenz“ volle Gewissheit erlangt haben.)
Die Erkenntnis ist sich selber nicht mehr der giltige und echte
Ursprung; sie muss durch einen metaphysischen Daseinsgrund
bestätigt und gestützt werden. Der logische Zirkel, der hierin
unvermeidlich liegt, ist schon von den Zeitgenossen Descartes
bemerkt und hervorgehoben worden. Der Zweifel richtet sich
anfangs — wie besonders in der klaren und mustergiltigen Darstellung
 seiner einzelnen Phasen in der „Recherche de la verile
par la lumi@re naturelle“ deutlich wird — nur auf die Existenz
der transscendenten Objekte, nicht auf das Sein der Wahrheiten
selbst. Erst nachträglich und vermöge einer metaphysischen
Fiktion zieht er auch die formalen Prinzipien des Denkens in
seinen Kreis, verschliesst sich aber damit jeden möglichen Rückweg.
 Wir sahen, dass Descartes in der Physik nur deshalb zu
vorschnellen Annahmen gedrängt wurde, weil ihm der schlichte
Gehalt der mathematischen Voraussetzungen nicht genügte; wir
finden jetzt, dass er, indem er nach einem Seinsgrund für die Gesetze
 der Erkenntnis fragt, sich nur zu willkürlichen metaphysischen
 Hypothesen geführt sicht. Ueberall, wo das Denken
seinen eigenen Mittelpunkt und seine eigene, selbstgenügsame
Rechenschaftsablegung aufgibt, verfällt es damit äusseren, seiner
Wesenheit fremden Mächten, gleichviel, ob man diese als „göttlich“
oder „dämonisch“ bezeichnen mag. —
Einen inneren Gradmesser dieser Umwandlung besitzen wir
in dem Bedeutungswandel, den die „eingeborenen Ideen“ allmählich
 erfahren. Sie bezeichnen zunächst und ursprünglich nichts
anderes, als die grundlegenden Voraussetzungen der Methode:
für Descartes, wie später für Leibniz, ist der gesamte Inhalt der
Algebra und Geometrie „eingeboren‘“, weil er als „spontane
Frucht“ aus den Prinzipien der Methode erwächst.®) Niemals
hätte man somit Descartes den Widersinn zutrauen sollen, dass
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.