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vember 1808“. Die darin bezweckte Aufgabe: die Vollendung der
Staatseinheit, hatte Stein seit langem besonders am Herzen gelegen.
Bisher bestand ein wunderliches „Durch- und Nebeneinander von Pro—
vinzial- und von Fachministern“. Steins Hauptzweck war, der Geschaͤfts—
verwaltung „die größtmöglichste Einheit, Kraft und Regsamkeit zu geben,
und sie in einem obersten Punkte zusammenzufassen“.
Die Provinzialminister sollen beseitigt und lediglich fünf Fach—
minister für das Innere, die Finanzen, das Auswärtige, den Krieg und
die Justiz eingesetzt werden. Damit der einzelne von ihnen als solcher
nicht zu mächtig werde, sollen sie sich bei bestimmten Maßnahmen in
dem Staatsrat, als der höchsten Behörde der Monarchie, vereinigen.
Doch weiter liegt in Steins großartigen Plänen: eine Kommunal—
ordnung für das platte Land zu schaffen; sodann Stadt und Land in
Kreisordnungen und Kreistagen zu vereinen; darüber in weiterem Kreise
die Provinzen in Provinzialständen zusammenzuschließen und den ganzen
Bau durch eine Nationalvertretung, einen Reichstag, mit reichsständischer
Verfassung zu krönen. Es galt ihm vor allem, sämtliche Staatsbürger
an den mittleren und unteren Stufen der Staats- und Kommunal-
verwaltung teilnehmen zu lassen. Auch in die Bezirksregierungen und
die Kreise sollten auf diese Weise Elemente der Selbstverwaltung eingeführt
werden. Durch eine tätige und regelmäßige Teilnahme der Nation an
den Geschäften der Verwaltung sollte den Männern vom grünen Tische
ein aus der Fülle der Natur genommener Reichtum von Gefühlen und
Ansichten zuströmen und wissenschaftlich, technisch, wirtschaftlich beratende
Laienkörperschaften sollten den staatlichen Verwaltungsbehörden zur Seite
treten. Diese Pläne sind, wie wir wissen, in jenen Zeiten nicht ver—
wirklicht worden; erst wir im neuen Reiche und in der neuen preußischen
Verwaltungsorganisation sind dieser Gedanken froh geworden. Schon die
zuletzt erwähnte Verordnung über die Reorganisation der obersten Ver—
waltungsbehörden kam nicht voll zur Ausführung. Stein schied für immer
aus dem preußischen Staatsdienst. Nur 14 Monate hatte er das Ruder
des Staates führen können. Aber was war in dieser kurzen Zeit alles
geschehen! Ein neues Staatsideal war erfaßt. Mit machtvollem Ruck
war das gesamte Staatswesen in andere Bahnen gerissen worden.
Freilich schier unersetzlich war der Verlust Steins für Preußens inneres
Leben, und der Staat hat lange an den Folgen dieses Schlages zu
tragen gehabt.
Die letzten Stunden seines Aufenthalts verwandte Stein dazu, seine
Freunde und die Teilnehmer seines Wirkens zum treuen, geduldigen und
cinträchtigen Ausharren bei der Sache des Vaterlandes aufzufordern. Am
Abend vor seiner Abreise legte ihm Schön als Abschiedsschreiben das
schon einige Tage vorher verfaßte „Sendschreiben an die oberste Ver—
waltungsbehörde Preußens vom 24. November 1808“ vor und bat um