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und dieselbe fester zu organisieren vermochten, so dass sie allmählich
den grössten Einfluss auf die Arbeiter auszuüben vermochten. 1892
yab es 14 Arbeiterbörsen; die erste war die in Paris, welche 1886
gegründet wurde. Die Vereinigung der Börsen hat ihren festen Sitz
in Paris und einen ständigen besoldeten Schriftführer und bildet den
Zentralpunkt für die Arbeiterhewegungen Frankreichs.
Im Jahre 1884 wurde den Vereinen auch die Möglichkeit ver-
schafft, die Korporationsrechte zu erlangen. Dieses führte dazu, den
Vereinen praktische Aufgaben zu stellen, und besonders machten die
kleinen Landwirte davon Gebrauch, welche massenhaft wirtschaftliche
Vereine gründeten, die wiederum untereinander in Beziehung traten und
dadurch ein ganz neues Leben in die Jandwirtschaftlichen Kreise brach-
ten, während die reinen Arbeiterkreise hiervon weniger Gebrauch
machten, als man es hätte erwarten sollen. Im Jahre 1897 rechnete
man die in Vereinen organisierten Arbeiter auf 431000 Mitglieder, das
wären etwa 10%, der betreffenden Arbeiterbevölkerung, doch ist diese
Statistik keineswegs als eine genaue anzusehen.
Ueberblicken wir das Gesagte, so wird das Ergebnis dahin zu-
sammenzufassen sein, dass in der neueren Zeit in den in Betracht
kommenden Ländern allgemein das Streben nach einer Organisation
der Arbeiterschaft zu "Page tritt, und dieses ist unzweifelhaft als ein
wesentlicher Fortschritt anzuerkennen. Nur durch eine Vereinigung ist
die Arbeiterklasse imstande, ihre Lage zu verbessern. Nur geschlossen
kann sie den Unternehmern ebenbürtig gegenübertreten und von ihnen
die Vorteile erlangen, die ihnen von jenen freiwillig im grossen Ganzen
niemals eingeräumt werden, auch wenn ihre Verhältnisse ihnen dieses
gestatten. Der Kampf zwischen beiden Klassen ist heutigen Tages
unvermeidlich, als Ergebnis der aufsteigenden Kultur in den Arbeiter-
kreisen, und ist in dem damit verbundenen Wachsen ihrer berechtigten
Ansprüche begründet, während der enorm steigende Volkswohlstand reich-
lich dazu die Mittel bietet. Dieser Kampf wird durch die Organisierung
der Arbeiterschaft aber erst zu einem regelrechten, der der modernen Civi-
lisation entspricht. Rudolf Gneist sagte einmal auf einem Kongress
des Vereins für Sozialpolitik in Eisenach schon Anfang der siebziger
Jahre ungefähr Folgendes: Der Interessenkampf der unorganisierten Ar-
beiter gleicht dem der Franetireurs, die aus jedem Hinterhalt dem Gegner
in den Rücken fallen, der ein Kampf auf's Messer wird, weil ınit ihnen
nicht zu paktieren ist. Erst wenn man mit ihnen einen nachhaltigen
Frieden schliessen kann, und die Garantie vorliegt, dass alle dazu ge-
hörigen sich dem Pakte anschliessen und sich ihm nachhaltig unterwerfen,
wird es ein Friedensschluss zwischen geregelten civilisierten Heeren. —
So steht zu hoffen, dass die Arbeiterbewegung durch die erweiterte
Organisierung der Massen allmählich in der Besserung der Lage der
Arbeiterschaft wachsenden Erfolg haben und sich zugleich in ange-
messenen Grenzen halten wird. Freilich ist dabei die Voraussetzung,
dass der sozialdemokratische und damit revolutionierende Charakter
derselben mehr und mehr schwindet, und der Kampf sich auf wirt-
schaftliche Fragen konzentriert. Darüber kann aber kein Zweifel sein,
dass es die Aufgabe der Zeit ist, der Arbeiterklasse in dem Koalitions-
rechte voll und ganz ihr gutes Recht zu geben und es in keiner Weise
zu verkümmern. Denn nichts wird als eine grössere Ungerechtigkeit
Schlussbe-
:rachtung.