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höhen und dem Landwirte dadurch höhere Einnahmen zu verschaffen.
In erster Linie ist zu beachten, dass nicht nur der Zoll, sondern die
gesamte Erhöhung der Preise in der Hauptsache von der grossen Masse
der Arbeiterbevölkerung getragen wird. Man rechnet den Bedarf an
Brotgetreide pro Kopf der Bevölkerung durchschnittlich 2 Doppelzentner,
für eine Durchschnittsfamilie mithin nahezu 10 Doppelzentner. Da wir
nun zu dem Ergebnis kamen, dass im grossen Ganzen der Zoll von den
Konsumenten gezahlt werden muss, so hat die Familie infolge eines Zolles
von 3,5 Mk. pro Zentner 35 Mk., bei 5,5 Mk. 55 Mk. im Jahre zu
zahlen, das sind bei einem Lohnbezuge von 800 Mk, 4,4 resp. 6,2 °/
des Einkommens. Da das freie Einkommen der Arbeiter aber, also nach
Abzug des Existenzminimums, höchstens auf 300 Mk. zu veranschlagen
ist, so beträgt davon diese Zahlung 10—16°%,. Die Last, welche auf
der am wenigsten leistungsfähigen Bevölkerung ruht, erscheint deshalb
als eine sehr beträchtliche, auch dann, wenn durch die wesentliche Lohn-
erhöhung der neueren Zeit sie verhältnismässig leichter getragen werden
kann, als es sonst der Fall wäre.
Dieser starken Belastung des grössten Teils der Bevölkerung Wirkung der
steht gegenüber, dass nur eine verhältnismässig kleine Zahl von Produ- Getreidezölle
zenten davon Nutzen hat, nur etwa ein Fünftel der Bevölkerung, während 2 die Krand-
ein zweites Fünftel kein besonderes Interesse daran hat, die übrigen br
drei Fünftel dagegen die Zahlung übernehmen. In Deutschland sind es
nur 1175 000 landwirtschaftliche Betriebe, welche mehr als 2 ha Kultur-
land umfassen. Nur diese können günstigsten Falls einen Ueberschuss
an Getreide produzieren und etwas verkaufen, wenn auch unter denen
zwischen Z2—5 ha sich noch eine sehr grosse Zahl befindet, die kein
Getreide zum Verkauf erübrigen. Wo irgend eine ausgedehntere Vieh-
zucht vorhanden ist und Wiesen eine gewisse Rolle spielen, kann man
in ganzen Gegenden sogar bis 10 ha umfassende Bauerngüter kon-
statieren, die nicht Brotkurn verkaufen. Daraus ergiebt sich, dass sicher
70 %, aller Jandwirtschaftlichen Betriebe kein Interesse an den Getreide-
zöllen haben, dass aber darunter noch eine ganze Anzahl solcher sich
befindet, welchen das Brotgetreide verteuert wird, das sie kaufen
müssen, und noch mehr, welchen das Futtergetreide zu ihrem Schaden
verteuert wird.
Einen prinzipiell anderen Charakter als die Industriezölle ge-
winnen die Agrarzölle dadurch, dass sie die Gefahr in sich schliessen,
sobald sie mit dem Charakter der Dauer aufgelegt werden, den Wert
des Grund und Bodens zu erhöhen, damit also kapitalisiert zu werden.
Kann der Landwirt seine Produkte teurer verkaufen, steigt damit sein
Reinertrag, so vermag er für den Grund und Boden eine höhere Pacht
zu erlangen und ein höheres Kaufkapital. Für je 1000 Mk. Reingewinn
mehr sind unter unseren Verhältnissen 25 000 Mk. mehr für das Grund-
stück zu erwarten, weil die Kauflustigen die Taxe des bisherigen Rein-
ertrages für die Summe, die sie dafür bieten können und wollen, zum
Massstabe nehmen. Wird also durch einen neuen Zoll der Preis der
landwirtschaftlichen Produkte gesteigert, so erreicht der momentane
Besitzer dadurch einen Kapitalzuwachs in dem gesteigerten Gutswerte.
Der neue Käufer aber, der so viel mehr für das Gut gegeben hat, ist
darum nicht besser gestellt, er hat nur entsprechend mehr Zinsen auf-
zubringen, und zugleich schwebt über seinem Haupte das Damokles-