Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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Statistik. 
kleinen Bürgerstande nur selten auf den Tisch kommen und ausserdem 
täglich entweder Milch oder Ale, weil man eine solche Beköstigung 
als zum Leben unbedingt notwendig ansah. Vor 50 Jahren erhielten 
die schweren Verbrecher in Preussen nur an den grossen Feiertagen 
und an Königs Geburtstag Fleisch; in der Gegenwart in jeder Woche 
mehrmals, wenn auch nur in sehr kleinen Portionen, und hierin ist in 
den letzten Dezennien fortdauernd eine Besserung eingetreten, wie 
ebenso in der Qualität des Brotes. Im Rheinland, in Hamburg ete., 
wo die gesamte Lebenshaltung eine günstige ist, tritt Unterstützung 
ungleich früher ein als in Posen oder Westpreussen, und die gewährten 
Mittel sind wesentlich reichlicher. Wiederum wird in den Städten die 
Bedürftigkeit weit eher anerkannt als auf dem Lande, Aus diesem 
Grunde geht man sehr fehl, wenn man aus einer grossen Zahl Bedürf- 
tiger in der Gegenwart annimmt, dass sich die Verhältnisse gegen 
früher verschlechtert haben. Es kann vielmehr gar keinem Zweifel 
anterliegen, dass sie sich bei uns namentlich in den letzten 50 Jahren 
ganz unendlich gebessert haben. 
Darum soll aber nicht bestritten werden, dass noch gegenwärtig 
die Ausdehnung der Bedürftigkeit eine ausserordentlich grosse und 
beklagenswerte ist, und vor allem, dass ein sehr bedeutender Prozent- 
satz der Bevölkerung sich in dem Zustande des Proletariats befindet, 
d. h. ohne sicheres Besitztum aus der Hand in den Mund lebt und 
sich an der Grenze hält, wo jede ungünstige Konjunktur, jede Krank- 
heit, oder gar der Tod des Ernährers den Zustand der Bedürftigkeit 
ıerbeiführen kann, der die Hilfe Anderer notwendig macht. Von 30 
Millionen Einwohnern in Preussen waren 1895/96 21,1 Millionen d. s. 
58,7 %/o, in den Städten 60,3 °%> auf dem Lande 74,4 %, von der Ein- 
kommensteuer befreit, weil ihr Einkommen auf weniger als 900 Mk. 
geschätzt war. Ausserdem wurden 36 °/ aller Censiten auf ein Ein- 
kommen von nur 900-1200 Mk. eingeschätzt. 47%, der Haushal- 
tungen Berlins haben nur ein heizbares Zimmer, in dem durchschnitt- 
lich 4 Personen wohnen; 7,1% der Bevölkerung bewohnen zu 6 
Personen und mehr ein Zimmer. 
Die Armenstatistik ist allerdings noch sehr unvollkommen, da 
man die dauernd und nur vorübergehend Unterstützten nicht zu scheiden 
vermochte, daher ganz Ungleiches summiert hat. Man kennt ferner 
aur die der öffentlichen Wohlthätigkeit Anheimgefallenen, aber nicht 
die Empfänger von privaten Almosen. Gleichwohl lässt sich manches 
aus den Zahlen entnehmen, wenn man sie mit Vorsicht benutzt. 
Nach der Zählung von 1885 wurden in Deutschland 1592 000 
Personen, 3,4%, der Bevölkerung aus öffentlichen Kassen, mit 90 Mil- 
ionen Mark unterstützt, 1,9 Mk. pro Kopf der Bevölkerung. 55 Mk. 
äelen durchschnittlich auf jeden Unterstützten. In Rheinland waren 
38 4% der Bevölkerung, in Mecklenburg-Strelitz 8,1 %/os in Posen 2,9 9%, 
in Bayern und im Königreich Sachsen 2,8 %/o» in Berlin 6,8%, in Ham- 
burg 9,6%. Die Ausgaben waren pro Kopf der Bevölkerung in Ham- 
Surg 5,8 Mk., Berlin 5,5 Mk., in Bayern 1,8 Mk, im Königreich 
Sachsen 1,7 Mk., in Posen 1,1 Mk. Der Unterstützte erhielt durch- 
schnittlich in Berlin 91,5 Mk., im Königreich Sachsen 60 Mk,., in 
Ostpreussen 39 Mk. In Frankreich rechnet man etwa 1!/, Millionen 
Personen ‚(3 %/, der Bevölkerung), die von den Bureaux de bienfaisance
	        
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