571) Der Einfluß der Ungleichheit von Macht und Bildung auf den Wert. 113
Beteiligten mehr zu als für die andere. Das Resultat wird dann immer sein, daß die
voll Unterrichteten mit mehr Kraft und Geschicklichkeit auftreten und einen größeren
Vorteil vom Geschäft haben, den Preis zu ihren Gunsten treiben oder senken können.
Indem man dies verschweigt, nähert man sich der aller älteren Wertlehre, wie
der älteren abstrakten Volkswirtschaftslehre überhaupt zu Grunde liegenden Fiktion
ziner Gleichheit der Menschen im Geschäftsleben, die nicht vorhanden ist. Die Zurück—
ührung der Marktvorgänge auf eine Summe von subjektiven Wertschätzungen läßt im
Dunkel, welcher Art sie seien, wie sie die Kauf- und Verkaufslust beeinfluffen. Ich
möchte sagen, das Wesentliche sei die Geschäftsdringlichkeit (wie ich es bei der Lehre
pon der Konkurrenz nannte) und die wirtschaftlichen Machtverhältnisse der Käufer- und
Verkäufergruppen bez. der einzelnen in ihnen. Je nach Marktkenntnis und Markt—
zeschicklichteit, je nach Einkommen und Vermögen, je nach Einfluß und Macht über—
haupt ist, wie in allem wirtschaftlichen Leben, so vor allem auch auf dem Markte,
häufig, ja vielleicht meist, die eine Seite die starke, die andere die schwache, die eine
isst akttiv, hat die Führung und Initiative, die andere ist passiv, läßt sich viel, wenn
nicht alles gefallen. Hiervon ist ein großer Teil aller Wert- und Preisbildung be—
influßt, wie wir schon in anderem Zusammenhange sahen. Das Ideal des Maͤrktes
väre, daß stets gleiche Kräfte in gleicher Zahl mit gleicher Anständigkeit, Ehrlichteit,
Marktkenntnis und Macht einander gegenüberständen; dann wären die Wertveränderungen
so, wie sie die ältere Theorie in der Regel darstellte: alle Preisbildung wäre billig
und gerecht, alle Wertänderung hätte heilsame Folgen. Die Machtungleichheit wie
die Ungleichheit an Erwerbstrieb, Schlauheit und Ehrlichkeit verändert einen sehr er⸗
heblichen Teil dieses Idealbildes; sie bewirken, daß häufig Wert- und Preisbildungen
erfolgen, mit denen die eine Seite unzufrieden sein muß. Die Machtungleichheit, ihr
hatsächlicher und möglicher Einfluß auf die Wertbildung erzeugt immer wieder die
Verbindungen der Käufer und Verkäufer; sie nötigt Gesellschaft und Staat zu Markt⸗
ordnungen und Konkurrenzregulierungen und zu anderen Eingriffen. Wir werden sagen
können, daß die richtige Erkenntnis dieser gesamten Einflüsse der sogenannten klaffischen
Volkswirtschaftslehre sehlte, und daß das Verftändnis für sie uns heute nicht bloß in
der Wertlehre und in allen socialen, sondern noch in sehr vielen anderen wirtschaft—
lichen Fragen zu veranderten Ergebnissen gegen früher bringe. In den handelspolitischen
Beziehungen z. B. handelt es sich auch dielfach um wirtschaftliche Machtungleichheiten
und ihre Folgen.
3. Unser Ergebnis können wir kurz so zusammenfassen. Nicht Angebot und
Nachfrage als Waren- und Geld- oder Kreditgrößen, sondern als Summierungen von
vsychischen Kräften beeinflussen den Wert. Sie wirken stets nur als Druck und Gegen—
druck auf den überlieferten Wert, der zunächst die Neigung hat, sich zu behaupten.
Bei der Summierung dieser Kräfte sind manche scheinbar zugehörige Elemente ohne
sede Wirkung. Von einem einfachen berechenbaren Ergebnis auch der zur Wirkung
kommenden Größen kann nicht die Rede sein. Die realen Anderungen der Waren—
engen (Angebot) und der Geldmengen (Nachfrage) werden allerdings die Werte, wenn
die dahinter stehenden pfychischen und Machtverhältnifse dieselben vder ganz ähnliche
bleiben, in der Regel entsprechend heben oder herabdrücken. Aber es bleibt stets fraglich,
ob diefe Voraussetung zutrifft. Thut sie es nicht, ändern sich die psychischen Voraus—
setzungen, die gesellschaftlichen Einrichtungen, und die Machtverhältnifse, so kann die
gleiche Mengenveränderung sehr verschiedene Änderung der Werte zur Folge haben.
Kleine Anderungen von Angebot und Nachfrage haben oftmals gar keine Wirkung
auf den Wert, bwohl sie je nach den Menschen und Verhältnissen nicht ausgeschlossen
st. Mittlere Anderungen werden sich bei Wiederholung häufig in gleicher Weise
8 machen. Doch krrifft dieses nicht immer zu, und noch weniger wirb aus der
oße der Mengen⸗ auf die entgegengesetzte Größe der Wertänderung zu schließen sein:
nn Deficit des Angebots von 5 Prozent kann den Wert um 2, um 5, um 10 oder
* Prozent heben. Häufig geben die Größenverhältnisse von Angebot und Nachfrage
iur gewisse Maximalgrenzen des Steigens und Fallens; ob die Schwankung des Wertes
Schmotler, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. II. 1.-6. Aufl. 2