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Methoden, die Nachfrage zu untersuchen. 129
umtionslehre als Grundlage der Nachfrage aufzustellen. Er hat eine Anzahl That—
jachen der Kulturgeschichte, der Psychologie, der gewöhnlichen Lebenserfahrung unter ein
Schema von Geseßzen gebracht (das Gesetz der Notdurft, der Mannigfaltigkeit, der Über—
ꝛeinstimmung u. s. w.) und glaubt so die Bedürfnisse und die Nachfrage einheitlich erklärt
zu haben.
Ich will nicht sagen, daß dieser und ähnliche Versuche unberechtigt, noch weniger,
daß sie ganz wertlos seien; aber sie genügen doch nicht, das große Problem einer
wissenschaftlichen Analyse und Kausalerklärung der Nachfrage zu lösen. Es ist vielleicht
berhaupt heute noch nicht lösbar. Man müßte dazu die Art der wirtschaftlichen
Konsumtion bei allen Völkern und Klassen und zu allen Zeiten einheitlich überblicken,
man müßte alle physiologischen und psychischen Ursachen kennen, die ganze Geschichte
der menschlichen Gefühlsentwickelung, der Sitten, der Kultur und des Luxus beherrschen.
Man müßte klar legen können, wie die Bedürfnisse und die Nachfrage sich entwickelt
haben, warum bestimmte Bedürfnisse teilweise stabil bleiben, andere sich ändern und
zunehmen. Die Vorarbeiten hierfür fehlen noch vielfach. Ich vermesse mich auch nicht,
alle vorhandenen hier zusammenfassen zu können. Ich muß mich nach meinen Studien
und dem hier verfügbaren Raum darauf beschränken, 1. ein Bild der historischen,
nationalen, konkreten Nachfrage in ihren großen Zügen und Veränderungen, 2. eine
Analyse der Nachfrage auf Grund der Einkommensstatistik und Haushaltungsbudgets
der neueren Zeit und 83. einen Überblick über die kleineren Schwankungen der Nachfrage
zu geben. Zunächst schicke ich noch zwei kurze Vorbemerkungen über den Größenbegriff
der Nachfrage und die nachfragenden Personen voraus. —
Das, was ein Volk an einer bestimmten Ware, z. B. Getreide, braucht und
zegehrt, stellt sich uns als eine doppelte Größe dar, 1. als Gesamtheit des verlangten
und verzehrten Getreides und 2. als die auf den Markt kommende Größe; die letztere
ist um so viel kleiner, als noch Eigenwirtschaften vorhanden sind, die Getreide produ⸗
zieren und dasselbe oder einen Teil davon konsumieren, ohne daß es auf den Markt
ommt. Noch heute, so wird vor nicht langer Zeit versichert, verzehre in Frankreich
die Hälfte der Bevölkerung selbstgebackenes Brot; im Durchschnitt von ganz Europa
wird wohl heute noch ein Drittel bis zur Hälfte, im Nordwesten Europas wohl zehn
bis zwanzig Prozent aller landwirtschastlichen Produkte in der eigenen Wirtschaft der
Famtlie produziert und konsumiert. Es ist das für den Marktwert von erheblicher
Bedeutung, sofern im ganzen bei einem solchen Zustande der Volkswirtschaft nur die
Überschüsse der Produzenten über ihren Hausbedarf auf den Markt kommen, nur ein
Teil der Konsumenten auf ihm als Nachfragende erscheinen, die Wertschwingungen sich
braktisch nur in einem engeren Kreis vollziehen. Immer darf man aber nicht ver⸗
gessen, daß bei ausgebildeter Geldwirtschaft auch die in der Eigenwirtschaft geschaffenen
und verzehrten Guter in gewissem Sinne der Marktwertbetrachtung unterworfen werden,
daß je nach dem Marktwert davon doch auch ein Teil verkaust wird, daß so diese
Büter einen Reservefonds für alle darstellen. Jedenfalls aber sind wir für viele Be—
rachtungen und Schätzungen darauf angewiesen, auf den Gesamtbegehr zurückzugreifen,
tatt aus die bloße Maͤrktnachfrage, weil wir ersteren eher fassen können.
Dann haben wir an das oben (8 157) über den Zwischenhandel Gesagte zu
rinnern. Die Nachfrage erster Hand ist heute nur noch teilweise eine direkte, d. h. eine
olche der Konsumenten bei den Produzenten. Für ihren größeren Teil ist sie eine
nehrfach gegliederte, in die Zwischenhäude von Unternehmern und Händlern gelegte.
Wir sahen schon, daß das bei richtiger Organisation dieser Zwischenglieder ein Fort⸗
chritt ist, sofern diese als arbeitsteilige Specialisten die künftige Nachfrage besser über—
ehen als die Konsumenten selbst. Wir sahen aber auch, daß bei ungesunder Organi—
ation der Zwischenglieder Mißbräuche, Monopole, Ausbeutungen entstehen können,
daß der Gewinnstandpunkt dieser Zwischenhände nicht immer die beste Versorgung der
don fumenten herbeiführt. Wir können hinzufügen, daß die Nachfrage der Händler
— stets neben der Hauptursache, nämlich der Schätzung der Nachfrage der Kon—
umenten, von einer Menge kleiner Nebenursachen beeinflußt ist, so von den augen—
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. II. 126. Aufl.