136 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [1594
Bartenbaues, der Nährmittelindustrie, der Konservierungskünste, der Kochkunst und des
Handels hat dem Menschen seit lange eine bessere, vielseitigere, abwechslungsvollere
Nahrung im ganzen verschafft; die Sitte und das ästhetische Gefühl hat unsere Mahl—
zeiten verfeinert und veredelt. Die Ernährung ist für die einzelnen Berufe und Thätig—
keiten längst entsprechend specialisiert. Und ein Teil der Forlschritte der oberen Klaffen
ist auch auf die unteren schon übergegangen. Freilich noch nicht in dem Maße, wie
es erwünscht wäre.
Ich füge in dieser Beziehung einiges bei aus den Resultaten, zu welchen Dr. med.
Grotjahn in seiner feinen, umfangreichen Arbeit über die neuesten Ernährungsverhältnisse
gekommen ist. Er nimmt an, daß die älteren meist lokalen Typen der Ernähruͤng sich
mehr und mehr in Auflösung befinden; sie waren verschieden nach den örtlichen Rahrungs—
mitteln, meist eintönig aber genügend. Daraus hat sich ein neuer abwechslungsvoler
Typus der Kost der Wohlhabenden herausgebildet, der quantitativ und quälitativ
rationell ist. Der alte ländliche Ernährungstypus, besonders der der ländlichen Arbeiter,
hat sich dadurch verschlechtert, daß die Leute alles Marktfähige zu Gelde machen müssen
und so Eier, Käse, Milch, Hühner, Schweinefleisch, Fett vielfach weniger verzehren als
früher, wodurch ihre starke Mehl- und Kartoffelkost erst irrationell und ungenügend
wird. Die höher bezahlten Arbeiter nähern sich der guten freigewählten, mannigfachen
Kost der Wohlhabenden (mehr Fleisch, Milch, Eier u. s. w.). Die große Schicht der
Industriearbeiter steckt noch mitten im Übergang von der alten groben, einfachen
Bauernkost zur seinern abwechslungsvollern der Wohlhabenden; sie essen nicht mehr
genug Kartoffeln, Brot, Ole und Leguminosen und noch nicht genug Fleisch, Weizen—
brot, Butter und Zucker. Die Auslösung der untern Klassen aus der Naturalwirt—
schaft und den Zusammenhängen der früheren Gesellschaftsordnung, ihre Stellung auf
ich, ihre neue Lebensführung auf dem Boden der Geldwirtschaft zeigt sich auch in der
Ernährungsfrage als das schwierige Problem, das erst im Laufe von Genexationen
einer befriedigenden Lösung nahe zu bringen ist.
Fassen wir diese Bemerkungen zusammen mit allem, was wir über die Nahrungs⸗
nachfrage und ihre Ursachen anführten, so werden wir sagen können: die Ernährung
der Völker und der Klafsen ist eine typische, oft in Jahrhunderten sich kaum ändernde
Erscheinung; sie ist bedingt von Naturverhältnissen, inländischer Produktivn und
Handel einerseits, von den Gewohnheiten und Wohlstandsverhältniffen andererseits,
oder anders ausgedrückt von den Preisen und Kosten der Nährmitlel einerseits, dem ver—
fügbaren Einkommen andererseits. Aus diesen zwei Elementen und ihrem Gegeneinander—
wirken entsteht zu jeder Zeit ein Gleichgewichtszustand, der sich in Sitte, Gewohnheit
und Lebenshaltung des Volkes und der Klassen fixiert und darum mit der Zähigkeit
des Bestehenden fich zu erhalten sucht. Zumal wo er genügende und schmackhafte Rahrung
bietet, kann nicht davon die Rede sein, daß die Nachfrage (bei gleicher Bevölkerung)
eine ungemessen steigende sein könne. Wohl haben einzelne Staͤmme und Völker, einzelne
Klassen und Individuen vereinzelt und zeitweise auch zu viel gegessen; aber im ganzen
ist die nötige und begehrte Aufnahme von Eiweiß und Kohlehydraten eine gegebene,
nicht großer Ausdehnung fähige. Wohl aber ist ein stets wachsendes Bedürfnis vor—
handen, die Nahrung abwechslungsreicher, mannigfaltiger, künstlicher zu gestalten, die
Genuß- und Reizmittel zu vervielfältigen, die Getränke genußreicher, schmackhafter zu
machen, in die Freuden der Tafel allen möglichen ästhetischen Reiz und Lurxus
einzufügen. Dadurch wird die Nachfrage in den oberen Klafsen eine ganz andere, fehr
viel größere Geldmittel verlangende.
Daneben gestaltet fich nun aber die Nachfrage durch Bevölkerungszunahme,
steigende Schwierigkeit der Mehrproduktion häufig in ungünstiger Weise um; es tritt
eicht der Fall ein, daß die unteren Klafsen die teuren Nahruͤngsmltel nicht mehn bezahlen
können, daß vorübergehend oder auch dauernd eine Unterernährung eintritt, daß die
weniger Wohlhabenden die Verfeinerung der Ernährung, wie die höhere Kultur sie fordert,
nicht mitmachen können. Wo das geschehen ist, wie neuerdings in den meisten Ländern
der alten Kultur, da kann erst wieder mit der allgemeinen Hebung des Wohlstandes,