Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

585) Der Wandel in der Ernährung. Nachfrage nach anderen Gütern. 137 
mit der verbesserten Technik, mit dem ausgebildeten Welthandel eine erhebliche Steigerung 
der Nachfrage nicht bloß nach den Genußmitteln und den feineren, sondern auch nach 
den Hauptnahrungsmitteln eintreten. Nachdem man heute die großen Gefahren einer 
Unterernährung breiter Volksschichten auch vom physiologischen Standpunkt aus ein— 
gesehen hat, muß alles Streben auf diese Besserung gerichtet sein. Sie verlangt 
J. richtigere Einsicht, rationellere Behandlung der Nährstoffe, sittliche Selbstbeherrschung 
in den Genußmitteln, hauptsächlich im Branntwein, 2. die Fortschritte der Produktion 
und des Handels, die das Notwendige liefern, und 3. hauptsächlich die Einkommens— 
gestaltung, die den unteren Klassen ermöglicht, die bessere Ernährung zu bezahlen. 
Wir kommen damit auf den Zusammenhang des Einkommens und der Ein— 
kommensgestaltung mit der Nachfrage überhaupt, fügen nur vorher ein paar summarische 
Worte über die Nachfrage nach andern Gütern hinzu. 
Sie ist auf primitiver Kulturstufe eine sehr beschränkte: einige Gewandstücke und 
Tierfelle, eine rohe Höhle, einige Werkzeuge und Waffen genügen den Menschen. Je 
höher die Kultur steigt, desto umfangreicher wird diese Nachfrage: feste geschützte 
Wohnungen, eine Mehrheit von Räumen, ausgestattet mit einem mannigfaltigen 
Mobiliar, zuletzt mit Komfort und Luxus aller Art, werden begehrt. Die Bekleidung 
wird immer mannigfaltiger. Der Verbrauch von Baumwolle ist in Deutschland pro 
Kopf 1836—1898 von 0,34 auf 6,830 Kilogramm gestiegen; in England war er 1860 
wie 1896 fast 20 Kilogramm; der deutsche Wollverbrauch nahm 1871 -95 von 1,8 
auf 8,8 Kilogramm zu, der englische von 4,8 auf 6,7 Kilogramm; der deutsche Seiden— 
verbrauch von 186195 von 6,08 auf 0,07 Kilogramm (4. 188 Prozent). Wie die 
geistigen Bedürfnisse steigen, läßt sich aus dem zunehmenden Papierverbrauch ermessen; 
er stieg in Deutschland 1840 — 1895 um 1650 Prozent, ist jetzt 5 Kilogramm jährlich 
pro Kopf, in England 6, in den Vereinigten Staaten 8. Wir dürfen, wenn wir die 
steigende Nachfrage auf diesen Gebieten immer wieder mit so stolzer Fortschrittsfreude 
betonen, nicht vergessen, daß sie zwar sicher höhere Kultur und größern Wohlstand 
bedeuten, aber wie wir gleich sehen werden, nur mäßige Prozente des Einkommens 
umfafsen, also für die Gesamtwirtschaft nicht so sehr viel bedeuten. 
Und wenn wir vollends uns rühmen, daß wir in Deutschland 1834 5, 1897 
134 Kilogramm Eisen pro Kopf der Bevölkerung verbrauchten, so beweist das gewiß, 
daß wir enorme technische Fortschritte gemacht, daß wir unendlich bessere und mehr 
Maschinen und Eisenbauten haben, aber nicht, daß wir um 5: 134 — 2680 Prozent 
wohlhabender geworden seien. Wir mußten uns, um bei der unendlich vermehrten 
Bevölkerung uns ebenso gut und etwas besser zu nähren, zu kleiden, zu behausen, uns 
zu verteidigen und uns und alle Güter rascher zu bewegen, einen so vermehrten und so 
teuren Wirtschaftsapparat aus Eisen und andern Materialien zulegen. Wir freuen uns, 
daß wir ihn haben und im ganzen wohl richtig gebrauchen. Aber wir müssen hier 
Ahnliches sagen, wie oben (I 83— 86 S. 225) bei der Beurteilung unserer modernen 
Technik: der große Apparat an sich macht das Leben komplizierter, schwieriger, kämpfe— 
reicher, das äͤußere und innere Glück ist damit an sich so menig gegeben wie die 
bessere Ernährung und Wohnung, wofür wir den größern Teil alles Einkommens aus— 
geben. Sie kann vorhanden sein und ist wohl in gewissem Maß vorhanden, aber 
nicht in dem Verhältnisse, wie der Produktionsapparat gewachsen ist. 
177. Die Analyfe der Nachfrage: ihr neueres Gesamtbild, beleuchtet 
durch die Einkommensstatistik und die Haushaltungsbudgets. Die 
Nachfrage der einzelnen und der Völker wird in ihrer Höhe bestimmt durch das Ein— 
kominen; mehr als dieses beträgt, wird für Genußgüter nicht leicht begehrt, sehr viel 
weniger meist auch nicht; denn was vom Einkommen zurückgelegt wird, übt auch, als 
Kapital, für feste Anlägen, fur kriegerische Zwecke u. s. w., eine Nachfrage aus. In 
der Höhe des Einkommens haben wir einen Gradmesser der Gesamtnachfrage; die Ver— 
teilung des Einkommens in der Nation nach den socialen Klassen beeinflußt die Stärke 
der Nachfrage nach den notwendigen und den überflüssigen Gütern. 
Wir werden vom Einkommen und seiner Verteilung, seinem Wesen und seinen
	        
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