162 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [620
politischen Verhältnisse dieser Länder so zu ordnen, daß die Betriebe nicht gestört werden.
Die Bergwerkseinrichtungen sind nicht billig, aber die Erze als solche haben fast keinen
Seltenheitswert mehr; die zukünftige Produktion wird wahrscheinlich keine andere Grenze
als den fallenden Silberwert haben. Die Goldproduktion war hauptsächlich bisher
eine solche in den Schwemmländern der Niederungen, wohin das Wasser die Erzteilchen
gebracht; sie war damit wesentlich vom Zufall der Entdeckungen beeinflußt; der Kapital⸗
ufwand beim Betrieb war nicht sehr hoch; künftig wird mehr und mehr auch berg⸗
mannischer Abbau nötig; aber das Vorkommen bleibt ein unregelmäßigeres; und
vielfach lagert das Gold zu tief in der Erde, um es überhaupt zu erreichen. Daher
die Fuͤrcht, die Produktion des Goldes werde einst ganz aufhören. Zunächst ist hiervon
nicht die Rede; sie hat nach der kolossalen Zunahme von 18831 -75 zwar wieder um
iabgenommen, dann aber 1886 bis zur Gegenwart wieder sehr zugenommen.
Die Suͤberproduktion stieg in unserm Jahrhundert von jährlich O,6 auf 435 Mill.
Kilogramm. Fur die nächsten hundert Jahre wird die Produktion neben der technisch
bedingten Höhe der Produktionskosten wesentlich von den neuen Entdeckungen und der
politischen Lage der Produktionsländer abhängig bleiben.
Ratürlich darf man nun aber aus der Größe der jeweiligen Produktion und dem
Betrag, der hiervon dem einzelnen Land zukommt und da als Geld auftritt, nicht ohne
weiteres auf den Wert schließen, wie das in einseitiger Weise früher oft geschehen ist.
Denn es kommt neben dem Angebot auf den Bedarf, neben der Geldmenge auf ihre
Funktion an, wie wir sehen, wenn wir uns die Nachfrage klar machen.
p) Die Nachfrage nach Edelmetall wird in jedem Lande bestimmt 1. durch
den Bebarf für Geräte und Schmucksachen, 2. durch das Bedürfnis für den Handel
mit Gebieten, die in Edelmetall Vergütung ihrer Waren begehren und 83. durch den
Geldbedarf seibst. Dieser ist zunächst durch die Münz— und Währungsgesetzgebung auf
es voder beide Metalle geleitet; er ist dann hauptsäachlich abhängig von der Art, wie
die Geld- und Kreditwirtschaft gesiegt hat, wie die Münze aus einem Schatzmittel mehr
und mehr ein bloßes Zahlmittel und zwar ein durch Kreditmittel ersetzbares geworden
ist. Es kommt also an auf die Größe und Menge der durch Geld vermittelten Wert—
üͤbertragungen, auf die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes, die mit der öffentlichen
Sicherheit wächst, aber auch in den Kulturstaaten der Gegenwart von Jahr zu Jahr
se nach den Zahlungsbedürfnifsen und den Konjunkturen sehr schwanken kann, dann
aber aͤuch auf die Menge und die Umlaufsgeschwindigkeit der kreditmäßigen Stell—
deriretes des Geldes, Banknoten, Papiergeld, Wechsel, Check- und Giroübertragungen.
Dder Bedarf an Zahlmitteln wächst mit der Ausbildung der Geldwirtschaft, dem Ver—
kehr, der Zunahme aller Geschäfte. Wenn die Edelmetall- oder Geldmenge sich ver—
zehnfacht, aber die Zahlungen ebenso, so kann der Geldwert ganz derselbe bleiben.
Dieselbe Geldmenge kann, wenn sie rascher umläuft, ein Sinken, wenn sie langsamer
cirkuliert, ein Steigen des Geldwerts herbeiführen. Vollends die Ausbildung des
Zahlungskredits verändert den Geldbedars wesentlich.
In den entwickeltesten Kulturländern haben heute die Banken Barvorräte an
Edelmetall und Münzen, welche den eirkulierenden Muünzen teils zur Hälfte oder ganz
an Wert gleichkommen, teils sogar sie übertreffen; diese Barvorräte können außer—
rdentlich in ihrem Betrage schwanken, liegen zeitweise lange unbenutzt, setzen dann sich
wieder rasch um; dem direkten Zahlungsbedürfnisse dienen diese Vorräte nicht, so not—
wendig sie sind. So kann eine Verdoppelung des geprägten Geldes dazu führen, daß
fie sehr zunehmen, ohne daß die Cirkulation, der Geldwert und die Preise davon berührt
werden.“ Noch stärker in gleicher Richtung wirken die Kreditmittel. Der Giro- und
Kassenverkehr des Berliner Kassenvereins stieg von 7,2 Milliarden Mark 1870 auf
2618 18727 sant auf 9,8 18765 das Londoner Clearinghaus hatte 1868, 1873, 1879,
1890 und 1892 Umsätze von 3,4, 6,0, 4,8, 7,8 und 6,2 Milliarden Pfd. Sterling, dem
wechselnden Bedürfnis entsprechend. Im ganzen nahmen diese Kreditvermittelungen
neuerdings fast stets zu: ungedeckte Noten und Papiergeld hatten nach Juraschek die
sechs größten Kulturstaaten 1880 1461, 1890 6751, 1893 5109 Mill. Mark; das