176 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. —[1634
And zugleich werden die Rechts- und Wirtschaftseinrichtungen zurückwirken auf die wirt—
schaftlichen Eigenschaften des Fleißes und der Sparsamkeit, auf die technisch-kaufmännischen
Anstrengungen der Kreise, die vor anderen Kapital ersparen, es prodüktiv verwenden.
Gebiete der Natural- und der Geldwirtschaft, der Eigenwirtschaft und der Ver—
ehrswirtschaft, kleine Gemeinwesen, die sich ewig befehdeten und beraubten, und große
Kulturstaaten, die im Innern und unter fich eine gesittete Friedensgemeinschaft dar—
tellen, müssen sich in der Kapitalbildung wesentlich unterscheiden. Zur Zeit der vor—
wiegenden Eigenwirtschaft war der Trieb zur Sammlung von Vorräten und Pro—
duktionsmitteln nicht sehr stark und nicht sehr verbreitet, schon weil ihre Anhäufung
doch nur Häuptlingen, Priestern, Königen möglich und vorteilhaft war; jede Anhäufung
war an sich schwierig, sie gab dem gewöhnlichen Bürger wenig Gewinn und kaum ge—
teigerten Lebensgenuß. Mit der Geld- und Kreditwirtschaft, dem Handel und der
Produktion für den Markt und den hier möglichen Gewinnen, bildete sich eine ganz
andere Ansammlung von Geld und Besitz aus. Es entstand jetzt erst der Erwerbstrieb?
es begann die Erwerbswirtschaft im Gegensatz zur Hauswirtschaft; es begann mit dem
Leihgeschäft die Kapitalanlage, die Kapitalrente, die Möglichkeit, sie zu weiterem Erwerb
vie zu politischer Herrschaft und Luxus zu verwenden. Die komplizierten Rechtsformen
des Kredits, der Vermögensanlage bildeten sich aus. Die entsprechenden Eigenschaften
ind wieder zuerst das Vorrecht bestimmter Rassen und Klassen, der Kaufleute, der
Unternehmer, der Bankiers. Die Preiskonjunkturen, die Rentenbildung, die Folgen von
Monopolen greifen zeitweise sehr stark in die Einkommensverteilung und damit in die
Belegenheit und Möglichkeit der Rücklagen ein.
Die Vermögens- und Kapitalbildung der wirtschaftlich hochstehenden Völker wird
o zu einem sehr komplizierten Prozeß, der einerseits als volkswirtschaftliche Gesamt—
erscheinung betrachtet werden kann, als solcher von pfychischen und institutionellen
Besamtursachen abhängt, der andererseits in den verschiedenen Klassen, ihren Angehörigen
und Familien auf ganz verschiedenen Motiven und Einrichtungen ruht. Die ganzen
Zwecke der Wirtschaftsführung werden komplizierter: Man will wie früher im Haushalt
nit wenig Mitteln auskommen, daneben die Vorräte des Hauses für die Zukunft
teigern, die bessere Ausstattung des Haushalts erreichen; aber man will darüber hinaus
verbendes Vermögen erlangen, es zinsbar anlegen oder im eigenen Geschäft nutzbar machen.
Herade in dieser Richtung sind neuerdings die verschiedenen Klassen in so verschiedener Lage.
Die Arbeiter, die kleineren und mittleren Beamten haben ihr ziemlich festes Ein—
kommen; sie sollen damit auskommen. Ihre wirtschaftliche Tugend besteht darin, daß
ie mit dem gleichen Geld möglichst gut sich nähren und kleiden, leidlich wohnen, ihren
Hausrat verbessern und wenn es geht, noch etwas zurücklegen. Mehr und mehr gelingt
hnen dies auch. Der Kleinbauer, der kleine Handwerker und Händler steht vor derselben
Aufgabe, aber er soll und kann zugleich sein Geschäft durch Ersparnisse verbessern, es etwas
vergrößern, etwas mehr Vieh halten und so Kapital bilden. Auch die meisten Glieder der
liberalen Berufe können an der nationalen Kapitalbildung nur durch ihren haushälterisch—
sparsamen Sinn, durch Verbesserung ihrer Hauswirtschaft und Kindererziehung, durch
mäßige Sparkassen- und Versicherungseinlagen, Ankauf einiger Staatspapiere teilnehmen.
Anders der etwas größere Geschäftsmann, der Kaufmann, der Fabrikant, der
Spekulant. Seine häusliche Sparsamkeit kommt nicht sehr in Betracht neben seiner
Fähigkeit, durch technisches und kaufmännisches Geschick, durch richtige Benutzung des
Marktes, der Konjunkturen, durch Organisationstalent und Sinn für Verbesserungen,
größere Gewinne, ein viel größeres Einkommen als er braucht, zu erzielen. Ein großer,
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glückliche Konjunkturbenutzung, unter Umständen auch durch Gexriebenheit und zweifel⸗
hafte Mittel; die Frage öleibt freilich immer, ob die geschäftliche Fähigkeit, ob das
Monopol, ob der Zujfall der Preisbewegung die Hauptsache bei derartiger Kapital⸗
bildung ausmache. Äuch die ganz großen Künstler, Schriftsteller, Arzte, die neben den
Chess der großen Unternehmungen heute Hunderitauseunde und Millionen verdienen,
werden durch ähnliche Ursachen wie die großen Geschäflstalente reich—